Ohne jede Vorankündigung hat die irische Band U2 ein Album mit dem Titel „Days Of Ash“ veröffentlicht. Sämtliche Tracks sind eine unmittelbare Reaktion auf das aktuelle Weltgeschehen. Und fast alle Songs sind inspiriert von außergewöhnlichen und mutigen Menschen, die an vorderster Front für die Freiheit kämpfen.
In „Days Of Ash“ finden die Musiker deutliche Worte. „American Obituary“ – „Amerikanischer Nachruf“ heißt gleich der erste Song, es geht um die Erschießung von Renée Good durch einen Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE am 7. Januar. Der Beamte hatte aus nächster Nähe mit drei Kugeln auf sie geschossen: „A bullet for each child“ heißt es im Song – Renée Good war Mutter von drei Kindern.
„Song Of The Future“ würdigt die 16-jährige Sarina Esmailzadeh, eine von Tausenden iranischen Schülerinnen, die 2022 auf die Straße gegangen waren, um für die Freiheit der Frauen im Iran zu demonstrieren. Auslöser der Proteste war der Tod von Jina Mahsa Amini, die von der sogenannten „Sittenpolizei“ verhaftet worden war, weil sie ihren Hijab nicht korrekt trug, und in Haft zu Tode geprügelt wurde. Sieben Tage später wurde Sarina von iranischen Sicherheitskräften verprügelt und starb ebenfalls an ihren Verletzungen.
Songs zur aktuellen Weltlage
In „One Life At A Time“ besingt Frontmann Bono Odeh Hadalin einen palästinensischen Vater von drei Kindern. Der Aktivist und Englischlehrer wurde im Juli 2025 in seinem Dorf im Westjordanland von einem israelischen Siedler getötet. Odeh hatte zuvor als Berater am Oscar-prämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ mitgewirkt, der von Palästinensern und Israelis gemeinsam gedreht worden war.
In einem Statement ließ Bono wissen: „Die Songs auf ‘Days Of Ash’ sind in Sachen Stimmung und Thema vollkommen anders als diejenigen, die wir gegen Jahresende auf unserem neuen Album veröffentlichen werden. Aber wir konnten diese EP-Tracks nicht länger zurückhalten…Es sind Songs des Widerstands, Songs der Bestürzung, Klagelieder. Auch feierliche Songs werden demnächst folgen… Denn trotz all der Grausamkeiten, die Tag für Tag auf unseren kleinen Screens zu Normalität gemacht werden, ist überhaupt nichts normal an diesen verrückten und wahnsinnigen Zeiten – und wir müssen uns dem entgegenstellen…“
U2 bezieht klar Stellung
Larry Mullen Jr., Schlagzeuger der Band, fügte hinzu: „Seit unseren Anfängen, als wir mit Amnesty oder Greenpeace gearbeitet haben, hatten wir nie ein Problem damit, klar Stellung zu beziehen. … Es ist ein wichtiger Teil unserer Identität und einer der Gründe, weshalb es uns immer noch gibt.“
Das Statement von Gitarrist The Edge könnte in seiner sprachlichen Kraft ein neues Glaubensbekenntnis werden:
„Wir glauben an eine Welt, in der Grenzen nicht mit Gewalt ausgelöscht werden. In der Kultur, Sprache und Erinnerung nicht durch Angst zum Schweigen gebracht werden. In der die Würde eines Volkes nicht verhandelbar ist. Dieser Glaube ist nicht vorübergehend. Er ist keine politische Modeerscheinung. Er ist das Fundament, auf dem wir stehen. Und wir stehen darauf gemeinsam.“ The Edge, Gitarrist von U2
Ein Mini-Album mit viel Kraft
Der Titel „The Tears Of Things“ dreht sich um die Frage, wie man in Zeiten von Gewalt und Verzweiflung sein Mitgefühl bewahren kann. Konkret geht es um ein imaginäres Gespräch zwischen Michelangelos David und seinem Schöpfer, in dem der junge Mann sich weigert, zu Goliath zu werden, um diesen zu besiegen.
Ebenfalls auf „Days Of Ash“ zu hören: eine Lesung von „Wildpeace“, einem Gedicht des israelischen Autors und Dichters Yehuda Amichai. Die Nigerianerin Adeola (Les Amazones d’Afrique) liest das Gedicht, musikalisch begleitet von U2 und Jacknife Lee.
„Yours Eternally“ haben Bono und The Edge zusammen mit dem ukrainischen Musiker und Soldaten Taras Topolia und Ed Sheeran aufgenommen. Im Frühjahr 2022, kurz nach der russischen Invasion der Ukraine, waren Bono und The Edge nach Kiew gereist, um dort in einer U-Bahn-Station live zu spielen. Der Song behandelt den Mut und die Einsatzbereitschaft eines ukrainischen Soldaten.
„U2 – Days Of Ash“ wird flankiert von der Rückkehr des „Propaganda“-Magazins, das sowohl digital (externer Link) als auch als limitierte Printausgabe erscheint. Vor 40 Jahren hatte U2 schon einmal solch ein Fanzine herausgegeben.

