Wenn sich das Aufstocken im Hauptjob nicht lohnt
Woran liegt das? „Das ist von Arbeitnehmerseite sehr unbürokratisch“, sagt Matthias Collischon vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und meint die Minijobs. Dass in Bayern besonders häufig Menschen mit einem Hauptjob zusätzlich arbeiten, könnte auch an steuerlichen Aspekten liegen, vermutet Collischon: „Wenn man von 35-Stunden auf einen 40-Stunden-Job gehen möchte, zahlt man eine hohe zusätzliche Lohnsteuerlast und Sozialversicherungsbeiträge.“
Ein Faktor könnte die Wirtschaftsstruktur Bayerns sein: Das Lohnniveau der Industriebetriebe sei vergleichsweise hoch, so Collischon, „der Minijob als Nebenerwerb ist dadurch ungleich attraktiver. Vielleicht noch mehr als in anderen Bundesländern“. Mit Blick auf die Arbeitsmarkteffekte sieht der Experte diese Entwicklung kritisch – in Zeiten von Fachkräftemangel wäre mehr Arbeit im Hauptjob sinnvoller, sagt Collischon.
Kritik: Minijobs verdrängen reguläre Beschäftigung
Dass Arbeitnehmer die geringfügige Beschäftigung häufiger als Zusatzverdienst nutzen, sei keinesfalls ein Entlastungsargument, sagt der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bernhard Stiedl. Er kritisiert Minijobs: „In vielen Branchen dienen Minijobs als Flexibilitätspuffer für Unternehmen und verdrängen reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.“
Die Minijob-Zentrale wehrt diesen Vorwurf ab: In einem aktuellen Sozialbericht schreibt sie, knapp 44 Prozent der Minijobber, die eigentlich gerne in einer regulären Voll- oder Teilzeitstelle arbeiten würden, nähmen dann auch eine Anschlussbeschäftigung an. Diese Gruppe macht jedoch nur einen geringen Anteil der Minijobber aus. Nur 370.000 von knapp sieben Millionen Minijobbern in Deutschland stehen laut Bericht „dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung“. Die anderen sind beispielsweise Rentner oder Studenten, die gar nicht auf der Suche nach einer regulären Beschäftigung sind.
CDU diskutiert Reform „als Denkanstoß“
Hat der Minijob also sein Ziel verfehlt? Bei der Einführung 2003 war eins der Ziele, einen leichten Einstieg in den Arbeitsmarkt zu bieten. Auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart fordert die Arbeitnehmergruppe der Partei eine Reform und damit eine „schrittweise Überführung der Minijobs in reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“. Wie das konkret aussieht, stehe noch nicht fest, sagt Stefan Nacke (CDU), der den Antrag mit auf den Parteitag bringt: „Unser Vorstoß ist bewusst als Denkanstoß zu verstehen“, sagt er.
Alternativvorschlag: Midijobs statt Minijobs?
Arbeitsmarktforscher Collischon vom IAB hat einen Alternativvorschlag: graduell ansteigende Beiträge bis zu einem Verdienst von 2.000 Euro. „Midijobs“ nennt sich das bereits jetzt. Statt eines harten Schnitts bei 603 Euro pro Monat, wie aktuell bei Minijobs, könnte bei Midijobs die Staffelung von Steuer- und Sozialabgaben jedoch bei null Euro anfangen.
Minijobberin Melina Meyer würde ihren Minijob überdenken, müsste sie diesen versteuern: Sie sagt, sie komme auch ohne Zuverdienst über die Runden, „aber dann müsste ich trotzdem am Ende des Monats gucken, auf was verzichte ich: Das Fitnessstudio?“ Nach zehn Stunden Ausschank habe sie 200 bis 300 Euro auf der Seite, „weil auch alles teurer geworden ist“, sagt die 24-Jährige.

