Peptid-Spritzen erleben auf Social Media einen Boom. Vor allem auf TikTok berichten Nutzerinnen und Nutzer von angeblichen Erfolgen wie schnellerem Muskelaufbau oder Gewichtsverlust. Der Zugang zu solchen Produkten ist oft nur wenige Klicks entfernt. Doch Wirkungen und Risiken sind bislang unzureichend erforscht. Wie riskant ist der Trend?
Was sind Peptide?
Peptide sind Ketten aus Aminosäuren, die natürlicherweise im Körper vorkommen. „Im Prinzip sind das Eiweißstoffe mit Signalwirkung, die im Körper bestimmte Prozesse auslösen“, erklärt Christian Seifarth, Gründer und Geschäftsführer des Zentrums für Endokrinologie und Stoffwechsel Bayern. Peptide sind demnach körpereigene Botenstoffe, die als Hormone, Neurotransmitter oder Wachstumsfaktoren wichtige biologische Prozesse steuern. Dabei regulieren sie Körperfunktionen und fördern Zellwachstum sowie Gewebereparatur.
Tami (31) nimmt selbst Peptid-Spritzen und berichtet auf Social Media darüber. Seit einem Jahr sammelt sie Daten von verschiedenen Peptid-Präparaten. In ihren Videos spricht sie über ihre Erfahrungen und mögliche Risiken. „Gerade in der TikTok-Bubble klingt vieles nach gesicherter Wissenschaft. Schaut man sich die Studien genauer an, basieren viele Ergebnisse jedoch auf Tierversuchen oder Zellkulturen. Wichtig ist außerdem, persönliche Erfahrungen von wissenschaftlichen Belegen zu unterscheiden.“
Sind Peptide gefährlich?
Grundsätzlich sind Peptide nicht per se gefährlich. Der Körper produziert zahlreiche dieser Botenstoffe selbst. Daraus lasse sich jedoch nicht ableiten, dass synthetische Peptide unbedenklich sind.
„Die Gefährlichkeit kommt durch die Wirkung. Sie haben einen bestimmten Effekt in Organen und Strukturen des Körpers. Der kann positiv sein, deswegen gibt es diese Peptide. Aber es gibt immer auch eine Kehrseite“, erklärt Seifarth. Besonders kritisch sei es, wenn die Stoffe anders eingesetzt würden als vom Körper vorgesehen. „Wenn ich etwas einfach in den Bauch oder den Oberarm spritze, ist das etwas anderes, als wenn dieses Peptid vom Körper selbst an bestimmten Stellen produziert wird.“
Gerade weil Peptid-Präparate über Social Media leicht zugänglich sind, beschäftigen sich viele junge Menschen mit dem Thema. Besonders bei Kindern und Jugendlichen sieht Seifarth Risiken. „Das kann sich auf das Wachstum auswirken. Es könnte sein, dass die Pubertät gestört wird.“
Bei Nebenwirkungen sollte man zum Arzt
Seifarth sieht den Hype um Peptide kritisch. „Da probieren Leute mit einem Konzept herum, das an sich intelligent ist und sich biochemisch gut begründen lässt. Aber wir wissen noch viel zu wenig, um es verantwortungsvoll beim Menschen einzusetzen.“ Wer die Präparate dennoch nutze, müsse mit Nebenwirkungen rechnen.
Tami erhält über ihren Social-Media-Account Nachrichten von Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren. Darunter sind auch Nutzerinnen und Nutzer, die nach der Anwendung von Peptiden über Beschwerden berichten und um Rat suchen. Sie berichten von Nebenwirkungen wie Fieber, Rötungen oder blaue Flecken. „Wer Fieber bekommt, gehört zum Arzt und nicht in ein Forum“, sagt die Creatorin.
Peptide sind noch zu wenig erforscht
Tamis Sorge ist vor allem, dass sich viele über Social Media informieren, obwohl die wissenschaftliche Datenlage zu den Peptiden noch begrenzt ist. „Häufig werden Vorher-Nachher-Bilder und Rabattcodes genutzt, um Produkte zu verkaufen. Fehlen aussagekräftige Studien am Menschen, ist das am Ende oft nur Marketing im Laborkittel“.
Für den Endokrinologen liegt der Vermarktungserfolg auf der Hand. „Alles, was scheinbar die Träume der Menschen verwirklichen kann, wird natürlich heiß gehandelt.“
Präparate können verunreinigt sein
Laut Seifarth seien Peptide zwar aus biochemischer Sicht „sehr interessant“ und hätten Potenzial. Die Anwendung zum jetzigen Zeitpunkt sei aber viel zu früh und berge auch immense Risiken. „Die Peptid-Präparate könnten beispielsweise mit Bakterien verunreinigt sein. Dann spritzen Sie sich das und bekommen eine Infektion. Solche Dinge muss man berücksichtigen“.
Zudem warnt der Endokrinologe vor Anti-Aging-Versprechen. Häufig werde argumentiert, dass bestimmte Peptide im Jugendalter häufiger vorkämen und im Alter abnähmen. Daraus werde geschlossen, dass eine künstliche Zufuhr wieder jünger mache. „So schlau waren wir schon in den 90er Jahren“, sagt er mit Verweis auf frühere Hormonpräparate. Der Gedanke, Menschen durch die Gabe solcher Stoffe zu verjüngen, habe sich jedoch nicht bewährt. Viele Peptid-Trends folgten derselben Logik. „Das sind sehr fragwürdige Ansätze.“

