Über 1.000 Namen auf 36 Seiten – zusammengestellt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ war Hitlers und Goebbels Verzeichnis jener Künstler, die dem NS-Regime so unentbehrlich schienen, dass sie vom Kriegsdienst befreit wurden. Darunter: Gefeierte Dirigenten, Schauspieler, Maler und Bildhauer, deren Werke das ästhetische Aushängeschild des Nationalsozialismus bildeten.
Zu ihnen zählte zum Beispiel Hans Breker, der jüngere, nicht so bekannte Bruder von Arno Breker. Auch er Bildhauer, ein erster Schaffenshöhepunkt im Nationalsozialismus, seine Arbeiten heißen „Fackelträger“, „Mutter mit Kindern“ oder „Eisenhüttenmann“ und „Bergmann“, die beide Rüstungsminister Albert Speer ankaufte.
Arno Breker gehörte zum engsten Freundeskreis von Adolf Hitler
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Hans Breker in Weimar, nannte sich Hans van Breek, die Wucht der Form indes konnte bleiben. Jetzt schuf er Büsten von Marx und Engels, seine Frauenskulpturen hießen fortan „Humanitas“. Nach knapp zehn Jahren in der DDR klagte Hans Breker über mangelnde „künstlerische Freiheit“ und wechselte in die BRD. „Die Ruhe“ heißt eine überlebensgroße Steinplastik, die er noch im selben Jahr seiner Umsiedlung 1954 an die nordrhein-westfälische Gemeinde Monheim verkaufen konnte. Alles eine Frage der Wendigkeit. Sie ist sein eigentliches Kunststück.
Bildhauerbruder Arno Breker war auch immer gesellschaftsfähig. Der Kunstsammler Peter Ludwig bestellte nach dem Krieg eine Büste bei ihm, genauso wie die Industriellen Henkel, Quandt oder Oetker sowie Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Arno Breker, der zum aller engsten Freundeskreis von Adolf Hitler gehört hatte, nahm für sich den künstlerischen Elfenbeinturm in Anspruch, obwohl er de facto ein Fachmann für stramme Muskeln und kantige Kieferknochen war. Kunst politisch zu beurteilen sei eine der Krankheiten unserer Zeit, konstatierte Breker selbst einmal. „Man kann mit Politik an die Kunst nicht herankommen, weil die Politik kein Stimulanz für eine künstlerische Bewusstseinsatmosphäre sein kann, sondern bei uns geht es um seelische Dinge, um geistige Dinge, aber nicht um politische Dinge.“
Hermann Kaspar lehrte an der Münchner Kunstakademie
Eine verlogene Haltung, die es etwa der Stadt Bayreuth offenbar ohne Kopfzerbrechen erlaubte, nach 1945 lauter Portraitbüsten bei dem NS-Staatsbildhauer zu bestellen. Eine Position überdies, die heute mit rechtem Kulturverständnis matchen würde. Inzwischen steht die Machtästhetik der Nationalsozialisten, die Ordnung, Tradition und Härte gegen die Moderne ausspielt, wieder hoch im Kurs. Rechte Parteiprogramme propagieren eine revanchistische Antimoderne, das Bauhaus wird als Wegbereiter eines „globalen Einheitsbreis“ diffamiert, rechte Memes knüpfen in ihrer Fixierung auf Identität ungeniert an NS-Bildpolitik an. Von einem Unrechtsbewusstsein wollen und wollten viele nichts mehr wissen.
In München kehrte Hermann Kaspar, einer der zentralen „gottbegnadeten“ Künstler des Nationalsozialismus, 1945 als Professor an die Kunstakademie zurück. Er erhielt weiter lukrative Aufträge vom bayerischen Staat, von Kirche und Wirtschaft, seine Kunst ist omnipräsent. Denn auch nach Ende des Nationalsozialismus verherrlichte das deutsche Kunstverständnis noch lange Makellosigkeit, Heroismus, Idyllen oder eine Ästhetik der Überwältigung. Rechte Kulturprogramme schließen da heute wieder an.

