Klassenfotos gehören zum Schulleben wie Füller, Schreibheft, Turnbeutel und Pausenbrot. Sie sind Momentaufnahmen und werden, wenn sie aufbewahrt werden, zu Erinnerungsträgern. Ein Klassenfoto gab Anlass für ein besonderes Buch: Es zeigt 48 Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse an der Jüdischen Volksschule in München, zusammen mit ihrem Lehrer – aufgenommen im Mai 1937.
Die Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind haben zusammen mit ihren Studierenden an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Lebenswege der Schülerinnen und Schüler erforscht und erzählen ihre Geschichten. Ende November wird dazu eine begleitende Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München eröffnet mit einer Buchvorstellung, an der der BR beteiligt ist.
Verdrängung jüdischer Kinder aus den Schulen
Sie posieren im Schulhof, vor einer Wand. Die Jungs in der ersten Reihe im Schneidersitz, dahinter etliche der Mädchen stehend, Arm in Arm, dann wieder Buben und der Lehrer. Und viele der 48 Schülerinnen und Schüler (damals acht, neun Jahre alt) blicken mit einem Lächeln in die Kamera – oder wenigstens zuversichtlich. Dabei ist ihr Leben im Mai 1937 längst bestimmt von Ausgrenzung und systematischer Entrechtung. Die Kinder dürfen etwa nur noch eine jüdische Schule besuchen. Die Volksschule in der Münchner Herzog-Rudolf-Straße entstand in den 20er-Jahren.
Historikerin Julia Schneidawind sagt, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten seien jüdische Kinder aus den anderen Schulen verdrängt worden. Zu Beginn in Form von Antisemitismus und Anfeindungen durch andere Kinder und dann mit der Gesetzgebung der Nationalsozialisten, die es unmöglich machte, dass jüdische Kinder andere Schulen besuchen konnten. „Das sorgt dann auch dafür, dass dieser Raum zu einem besonderen Schutzraum für diese Kinder wird“, erklärt Schneidawind. „Weil sie dort, so dass überhaupt noch möglich war, noch so etwas wie Normalität erleben konnten.“
Milz: Kinderbild „eine besondere Quelle, mit der man etwas machen kann“
Die Münchner Historikerin Julia Schneidawind hat zusammen mit ihrer Kollegin Kristina Milz und Studierenden die Lebensgeschichten der Kinder auf dem Foto und auch ihres Klassenlehrers erforscht. Kristina Milz entdeckte das Foto im Rahmen ihrer Arbeit an einer Biographie des bedeutenden Münchner Orientalisten Karl Süßheim. Seine Tochter Margot war eines der fotografierten Kinder. Sie zeigte Kristina Milz auch „ihr“ Klassenfoto.
Karl Süßheim, erzählt Kristina Milz, habe alles sehr sorgfältig beschriftet, die Kinder durchnummeriert und auf der Rückseite die Namen aufgezeichnet. Das sei für eine Historikerin erst einmal sehr spannend: „Weil in der Regel sehen wir Bilder von Kindern und können nicht zuordnen, um welche Personen es sich eigentlich handelt. Und da wurde mir schnell klar, das ist eine besondere Quelle, mit der man etwas machen kann.“
Außer Anne Frank wenig über Kinder im Holocaust bekannt
Das Buch „Klassenfoto 1937“ erzählt – eben ausgehend von diesem Schwarz-Weiß-Bild – zum einen die Geschichte der jüdischen Deutschen in den ersten Jahren der NS-Diktatur, und damit auch die einer kulturellen, religiösen und sozialen Vielfalt. Ebenso werden verschiedene Reaktionen der Familien auf die zunehmende Verfolgung und wachsende Gewalt erfahrbar: die Familie von Marion Sichel etwa emigrierte nach Südamerika, die von Margot Süßheim 1941, im letzten Augenblick, in die Türkei. Melanie „Mella“ Löwy konnte im Rahmen der Kindertransporte vor dem Krieg nach England gebracht werden, die Eltern folgen später.
Nur drei von 48 unterschiedlichen Lebenswegen. Elf der Kinder auf dem Foto wie auch ihr Lehrer Ferdinand Kissinger wurden im Holocaust ermordet, die meisten im November 1941 im litauischen Kaunas. Kristina Milz sagt: „Viele kennen Anne Frank. Gibt es darüber hinaus noch viel Wissen über Kinder im Holocaust?“
1,5 Millionen Kinder ermordet
Eineinhalb Millionen Kinder seien im Holocaust ermordet worden, sagt Kristina Milz. Natürlich gebe es nicht annähernd so viele Geschichten, die uns so präsent wären in der Erinnerung wie bei erwachsenen Holocaust-Opfern.
„Deswegen finden wir auch, dass die Geschichten der Kinder, die überlebt haben, eigentlich stellvertretend dafür stehen, was den anderen genommen wurde, welche Möglichkeiten genommen wurden, welche Leben hätten gelebt werden können.“ Kristina Milz
Kristina Milz und Julia Schneidawind erzählen auf der Grundlage vieler privater Quellen, darunter Tagebücher, Poesie-Alben, Familien-Korrespondenzen. Schon die Ergebnisse der vielen Recherchen in verschiedenen Ländern sind beeindruckend. Einige Biographien stehen – stellvertretend für alle 48 – aufgrund des Quellen-Materials im Mittelpunkt. Zu ihnen gehört die von Siegfried „Sigi“ Golomb. Er kam 1938 nach Jugoslawien und wurde 1944 nach Auschwitz und dann zur Zwangsarbeit nach Mühldorf am Inn deportiert. Im Frühjahr 1945 wurde er, völlig entkräftet, in Seeshaupt befreit. Er nannte sich später Dan und lebte in Israel und dann in den USA – und wurde einer der Pioniere in der Erforschung des Klimawandels.
Eine Schülerin fragt sich später: „Wer hat überlebt?“
Bei der Biographie von Dan Golomb könne man zum einen sehen, was diese jungen Menschen alles durchlebt haben, sagt Julia Schneidawind. „Und dann auch diese Erfahrung, eher tot als lebendig, als einer der wenigen zu überleben. Das ist etwas, was viele ihr Leben lang beschäftigt hat: (…) Warum habe ich überlebt?“ Und unter unterschiedlichen Kindern, die überlebt haben, die sich wiedergefunden haben, sei das zur Diskussion geworden: Was sind unsere Erfahrungen? Was mussten andere erleben?
Eine der Münchner Schülerinnen – Sara Hinde Schindler, Spitzname: „Rali“ – hat ihr Foto mit auf die Flucht der Familie nach Palästina genommen. Später schrieb sie, auf Hebräisch, auf den Abzug: „Meine Klasse. Wer hat überlebt???“ Das Buch „Klassenfoto 1937“ ermöglicht nun eine Antwort. Und erzählt zugleich – persönlich, sensibel und eindringlich – eine Geschichte des Holocaust, in einer sehr besonderen Perspektive.
Klassenfoto 1937. Die Geschichte von Kristina Milz und Julia Schneidawind erscheint am 24.9. im C.H Beck Verlag.

