Seine Eltern können es noch gar nicht fassen. Sie rufen an, weil sie ihn gerade auf einem Werbeplakat gesehen haben. Der Münchner Tareq Nassery spielt eine der Hauptrollen in der neuen HBO-Serie „4 Blocks Zero“: den späteren Clan-Chef Ali „Toni“ Hamady als Jugendlicher.
Fortsetzung von „4 Blocks Zero“ als Prequel
„4 Blocks“ flimmerte von 2017 an so erfolgreich über die Bildschirme, dass eine Fortsetzung nur eine Frage der Zeit schien – hätte am Ende nicht ein Großteil der Figuren ins Gras gebissen. Die Geschichte um den von Kida Khodr Ramadan gespielten Mafiaboss, der aus dem kriminellen Familiengeschäft aussteigen und mit Frau und Tochter ein normales Leben führen wollte, schien auserzählt. Nun kehrt die Serie trotzdem zurück, nicht als Fortsetzung, sondern als Prequel.
„Nie daran gedacht, Schauspieler zu werden“
Dass er nun überall auf Plakaten zu sehen ist, damit hatte der 27-jährige Tareq Nassery auch selbst nicht gerechnet. „Ich habe als Kind nie daran gedacht, Schauspieler zu werden“, sagt er Bayern 2 Zündfunk. Seine Mutter wollte, dass er Arzt, Ingenieur oder Pilot wird – etwas Vernünftiges.
Schließlich waren seine Eltern auch deshalb aus Afghanistan nach München geflüchtet, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. 1998 wird er hier geboren, wächst im vermeintlichen Problemviertel Hasenbergl auf. Er habe dort eine schöne Kindheit erlebt, voller Fußballspiele auf dem Kirchenspielplatz.
Mehr Sozialdrama als Actionthriller
Obwohl sein Aufwachsen viel idyllischer war als das seiner Figur, gibt es Parallelen. Die Fluchtgeschichte der Eltern, für Mama und Papa die Briefe vom Amt oder der Schule übersetzen. „Was uns unterscheidet, ist, dass ich schon als Kleinkind meinen deutschen Pass bekommen habe“, erzählt Nassery. „Diese Angst, jeden Moment abgeschoben zu werden, kenne ich nicht.“
Die fiktive Familie Hamady ist aus dem kriegsgeschüttelten Libanon geflüchtet. Der Vater darf mit seiner Duldung nur schwarz arbeiten, die drei Söhne teilen sich eine Matratze im Wohnzimmer. Obwohl „4 Blocks Zero“ eine Serie voller Action und Schusswaffen ist, in erster Linie ist sie ein Sozialdrama. Hauptdarsteller Tareq Nassery sieht genau darin die Kraft. Er hoffe, dass die Serie den Blick auf die Fehler der Migrationspolitik der Neunzigerjahre lenkt, um daraus zu lernen.
Aus Fehlern der Migrationspolitik lernen
Die Serie erzähle von einer Familie, die sich anpassen, arbeiten und Teil der Gesellschaft werden möchte. Sie prallt jedoch auf ein Deutschland, das auf keinen Fall Einwanderungsland sein will. Die Geflüchteten dürfen gar nicht erst ankommen – was Parallelstrukturen und ein Abrutschen in die Kriminalität zwar nicht entschuldigt, aber begünstigt.
Aus dem ältesten Sohn Ali, ein Musterschüler, bricht es in einer Szene heraus: „Ich muss mich immer mehr anstrengen als die anderen, trotzdem reicht es nie.“ Schauspieler Tareq Nassery kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Wenn der Schaffner im Zug beispielsweise nur ihn kontrolliert. „Das ist ganz subtil, aber kein schönes Gefühl“, sagt er.
Jugendtraum in Erfüllung gegangen
Umso schöner ist das Gefühl, diese Rolle ergattert zu haben. Denn damit erfüllt sich für ihn ein Jugendtraum. Ohne die Kultserie „4 Blocks“ wäre er vielleicht nie Schauspieler geworden. 2018 sah er einen Casting-Aufruf für Komparsen, seine Bewerbung wurde damals jedoch abgelehnt.
Doch der Traum vom Schauspielerwerden lässt Tareq Nassery fortan nicht mehr los. Er studiert BWL, macht als Erster in seiner Familie einen Hochschulabschluss. Neben Studium und Arbeit nimmt er Schauspielunterricht, geht zu Castings. Nach mehreren Absagen bekommt er Selbstzweifel. Als er gerade aufgeben will, erhält er die Anfrage für ein Top-Secret-Projekt: „4 Blocks Zero“.
Vorurteile und Ängste rund um „Clankriminalität“
Nun erscheint die Serie ausgerechnet, wo in Politik und Medien wieder viel von „Clankriminalität“ die Rede ist. Befeuert „4 Blocks Zero“ nicht auch Ängste und Vorurteile und legt nicht-weiße Schauspieler einmal mehr auf die Rolle des bösen Gangsters fest?
„Natürlich nerven mich diese Schubladen“, sagt Tareq Nassery. Zwar habe sich bereits viel getan, aber: „Da ist noch viel Luft nach oben, vor und hinter der Kamera.“ Welche Rolle er gern mal spielen würde? Actionheld. Einer, der aus Flugzeugen springt. Das kann ja vielleicht noch in Staffel zwei kommen.

