Es gibt ein Leitmotiv im Werk von Ines Geipel: das Anschreiben gegen Verdrängung und Verschweigen. Auch im jüngsten Buch der Publizistin und Schriftstellerin ist das so. In „Landschaft ohne Zeugen“ rekonstruiert sie die Situation im Konzentrationslager Buchenwald am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Und zeigt dabei: Es gab eine fatale Allianz zwischen der SS und kommunistischen Gefangenen in Buchenwald. Häftlinge, eingesetzt auf der Krankenstation, beteiligen sich vielfach an der Tötung von Mitgefangenen, etwa durch Giftspritzen. 56.000 Menschen wurden dort ermordet – ein Drittel von ihnen zwischen Januar und April 1945.
In dieser Zeit seien sich rote und braune Gewaltgeschichte sehr nahegekommen, sagt Ines Geipel im Gespräch über ihr Buch. „Nach 1945 wurden sie dann extrem auseinandergehalten. Das ist für mich die Verbindung, die ich noch einmal kenntlich machen wollte.“ Dafür wurde sie jetzt mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.
Kritischer Blick auf die erzählte Geschichte
In der DDR galten die kommunistischen Häftlinge von Buchenwald als Helden. Ines Geipel, die 1960 in Dresden geboren wurde, hat das selbst erfahren. Wie in anderen ihrer Bücher erzählt sie auch in „Landschaft ohne Zeugen“ aus dem eigenen Erleben, berichtet etwa von der Jugendweihe-Fahrt in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Rolle der „Kapos“ – der Häftlinge, die in der Lagerhierarchie an einflussreicher Stelle standen – wurde in den 1990er Jahren, nach der Wiedervereinigung, erstmals historisch erforscht.
Ines Geipel schließt daran an. Für ihr Buch hat sie noch wenig oder unerschlossenes Quellenmaterial ausgewertet, darunter aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv. „Alle versuchen zu überleben“, sagt die Autorin mit Blick auf die Situation im Konzentrationslager in den letzten Kriegsmonaten. „Mir geht es nicht um ein Urteil von heute aus, 80 Jahre später. Das Buch ist der Versuch, noch einmal über die Quellen ein Stück an die Realität sich heranzuschreiben. Und die Funktion der Heldenerzählung nach 1945 in den Blick zu bekommen.“
Literarisch grundierte Vermessung der Realität
Ines Geipel wählt gerne besondere Formen für ihre Vermessungen von Zeitgeschichte und auch Gegenwart, auch über die rechte Gewalt im Osten Deutschlands. Etliche der Quellen, die sie für ihre Rekonstruktion der „doppelten“ Gewaltgeschichte in Buchenwald gelesen hat, durchziehen das Buch im unteren Drittel: eine eigene Tonspur, Zeitzeugen-Stimmen. Und ebenso schreibt Geipel essayistisch, literarisch verdichtet.
Die DDR und ihr Nachleben sind bei all dem zentrale Themen. Im Sommer 1989 floh Ines Geipel – auch Leistungssportlerin in der DDR – in die Bundesrepublik. Neben eigenen Büchern hat sie sich intensiv mit der Verschwiegenen Literatur in der Diktatur beschäftigt, vergessene Autorinnen und Autoren neu erschlossen oder überhaupt zugänglich gemacht. Auch das ist ein wichtiger Teil ihres Werkes. Es richtet sich gegen die zunehmende Verklärung und Verharmlosung der Diktatur – und die politischen Folgen, den wachsenden Zuspruch autoritärer, extremer Parteien.
Verdeutlichen, was Diktatur bedeutet
„Der Härteraum der Diktatur ist herauserzählt worden“, bemerkt Ines Geipel. „Wir haben irgendwann die Systemfrage nicht mehr gestellt. Damit ist klar, dass wir jüngeren Generationen, die ja heute auf TikTok die DDR zum Paradies machen, gar nicht mehr erklären können, was Diktatur bedeutet. Und wir im Grunde diese seltsam verlagerten Entlastungserzählungen bekommen.“
Auch gegen diese Entlastungserzählungen richtet Ines Geipel ihre Bücher und wird mit „Landschaft ohne Zeugen“ Ende November mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird gemeinsam von der Stadt München und vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, vergeben. Stets für ein Buch, das geistige Unabhängigkeit zeige und moralischen und intellektuellen Mut fördere. Zu den Preisträgern der vergangenen Jahre gehören unter anderem die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey und der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow.
Ines Geipels Buch „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“ ist im S. Fischer-Verlag erschienen.

