Bevor es im Münchner Hotel Bayerischer Hof inhaltlich zur Sache ging, hatten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber zwei Geschenke mit jeweils zwei Botschaften überreicht, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die IG Metall schenkte den Arbeitgebervertretern ein Navigationsgerät mit eingezeichneten Wegmarken wie „faire Entgelte“ und „Beschäftigung absichern“, um schlussendlich ans Ziel einer „starken Metall- und Elektroindustrie“ zu gelangen. Der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie (vbm) dagegen überreichte eine altmodische Waage, belastet von einem schweren Gewicht, das die Arbeitskosten symbolisieren soll, die die Branche an ihre Belastungsgrenze bringt.
Erste Tarifrunde ohne konkretes Ergebnis
Ob die Geschenke den Verhandlungen zuträglich waren, ist schwer zu sagen. Zumindest ergaben die Gespräche keine sofortige Einigung, wobei das auch kaum einer erwartet haben dürfte. Der Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite, Thomas Kaeser vom Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie, sprach aber von einer konstruktiven Stimmung. Auch der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Horst Ott, zeigte sich zufrieden darüber, dass den Forderungen der Gewerkschaft zugehört wurde. Richtig weiter sei man allerdings nicht gekommen, so Ott. „Keine Seite war bereit, von den Positionen abzurücken.“
IG Metall fordert mehr Gehalt und Gewinnbeteiligung
Die IG Metall war in diese erste Verhandlungsrunde mit einem konkreten Paket an Forderungen gegangen: Sie will fünf Prozent mehr Geld für die Beschäftigten bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Außerdem will die Gewerkschaft über tarifliche Maßnahmen zur Absicherung von Arbeitsplätzen sprechen und eine Gewinnbeteiligung für Mitarbeiter von gut laufenden Unternehmen erreichen.
Zusätzlich sollen die Jungen stärker unterstützt werden: 110 Euro mehr pro Monat für die Ausbildungsvergütung soll der Nachwuchs bekommen. Der bayerische Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie hatte die Forderungen bereits im Vorfeld als überzogen bewertet. „Ein wenig erfolgreiches Unternehmen wird Arbeitsplätze nicht sichern können“, warnte vbm-Tarifverhandlungsführer Thomas Kaeser. Deswegen sei eine Anhebung der Entgelte nicht im Sinne der Unternehmen und auch nicht im Sinne der Beschäftigten.
Beide Seiten betonen Verantwortung für Arbeitsplätze und Unternehmen
An diesen Positionen hat sich nach der ersten Verhandlungsrunde nicht viel verändert. Zumindest in einer Sache schienen sich die beiden Verhandlungsseiten aber einig: „Wir haben eine hohe Verantwortung“, sagte IG-Metall-Verhandler Ott. Deutschland befinde sich in einer angespannten gesellschaftlichen Situation, so der Gewerkschafter weiter. Nun müsse man zeigen, dass die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern funktioniert, „dass wir was hinkriegen“.
Und noch eine Sache dürfte beiden Seiten bewusst sein: Die wirtschaftlichen Aussichten in der Metall- und Elektroindustrie sind teils trüb.
Wirtschaftliche Lage in Metall- und Elektroindustrie unterschiedlich
Laut vbm arbeiten bayernweit rund 836.000 Menschen in der Metall- und Elektroindustrie, wobei die Beschäftigtenzahl allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um fast 11.000 schrumpfte. Die großen Sorgenkinder: die Automobilbranche und der Maschinenbau. Zwar sind die Beschäftigten der kriselnden Volkswagen AG beim Flächentarif ausgeklammert, weil für sie ein eigener Haustarifvertrag verhandelt wird. Für die Angestellten von Audi, Mercedes-Benz und BMW gilt der Flächentarif dagegen schon.
Allerdings ist die Lage nicht überall so schlecht wie bei den Autobauern: So erlebt die Rüstungsindustrie derzeit einen beispiellosen Boom, auch in der Elektroindustrie laufen die Geschäfte gut. Laut einer Mitgliederbefragung der IG Metall geht es ebenfalls Betrieben der Medizintechnik und der Luft- und Raumfahrt gut.
Arbeitgebervertreter lehnen Gewinnbeteiligung ab
Die Forderung der IG Metall, bei solchen Betrieben eine Gewinnbeteiligung für Mitarbeiter tariflich zu verankern, stelle aber das Prinzip eines tariflichen Flächenvertrags mit einheitlichen Regelungen grundsätzlich in Frage, finden die Arbeitgeber. Und: „Betriebe, die besonders erfolgreich sind, werden dadurch bestraft“, so Kaeser. IG-Metall-Verhandler Ott sieht das anders: „Wenn es schlecht läuft, haben wir auch Tarifverträge, wo man nach unten abweichen kann, wieso soll das nicht nach oben gehen?“
So laufen die Tarifverhandlungen ab
In Bayern wird am 27. Oktober weiterverhandelt, dieses Mal in Coburg. Auch in den anderen 15 Tarifgebieten des Bundes wird derzeit über neue Tarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie verhandelt. Kommt in einem Tarifgebiet ein Pilotabschluss zustande, dient dieser in der Regel als Vorlage für die übrigen Regionen. Bis zum 31. Oktober sind die Gewerkschaften an die Friedenspflicht gebunden, danach sind Warnstreiks möglich.
Bereits vor Beginn der Gespräche hatte die Gewerkschaft vor dem Verhandlungsort in München demonstriert. Laut Veranstalter versammelten sich rund 3.500 Personen vor dem Hotel und hüllten den Promenadeplatz in rote Flaggen und Banner.

