Schlechter Schlaf, weniger Energie, nachlassende Konzentration, vielleicht auch weniger Lust auf Sex: Gerade in der Lebensmitte werden solche Veränderungen gerne mit den „Wechseljahren des Mannes“ erklärt. Doch der Vergleich mit der Menopause bei Frauen hinkt.
Gibt es Wechseljahre beim Mann?
Eine mit der weiblichen Menopause vergleichbare Andropause gibt es nicht: Die Hoden stellen ab einem bestimmten Alter ihre Hormonproduktion nicht einfach weitgehend ein. Ein Testosteronrückgang erfolgt allmählich und ist bei gesunden Männern meist gering. Laut der aktuellen Leitlinie der European Association of Urology (EAU) (externer Link) spielt das Alter allein nur eine begrenzte Rolle.
Wichtiger für einen Testosteronmangel sind zum Beispiel Erkrankungen der Hoden oder der Hypophyse, starkes Übergewicht, chronische Erkrankungen wie Diabetes und ein insgesamt schlechter Gesundheitszustand. Auch Stress, körperliche Belastung und bestimmte Medikamente können den Testosteronspiegel beeinflussen.
Was passiert, wenn Testosteron dauerhaft fehlt?
Testosteron spielt unter anderem für Muskeln, Knochen und Sexualfunktion eine wichtige Rolle. Fehlt das Hormon, kann sich das allerdings auch anderweitig bemerkbar machen. Manche Männer sind häufig müde, fühlen sich weniger belastbar oder kommen schwerer in Schwung. Eindeutig sind diese Anzeichen aber nicht, denn sie können auch ganz andere Ursachen haben. Auch Muskelkraft, Knochenmasse und Stimmung können bei einem Testosteronmangel beeinträchtigt sein. Typischer für einen Testosteronmangel sind sexuelle Beschwerden wie weniger Lust oder Erektionsprobleme.
Wann ist Testosteron zu niedrig?
Ob tatsächlich ein Testosteronmangel vorliegt, lässt sich also nicht allein anhand der Beschwerden feststellen. Dafür müssen passende Symptome und wiederholt niedrige Testosteronwerte zusammenkommen.
Die European Association of Urology (EAU) (externer Link) empfiehlt, das Gesamt-Testosteron morgens und nüchtern zu bestimmen. Bei Männern mit entsprechenden Beschwerden gilt ein Gesamt-Testosteronwert von weniger als 12 nmol/l als Schwellenwert für einen möglichen Testosteronmangel. Liegt der Wert darunter, sollte die Messung an mindestens einem weiteren Morgen wiederholt werden. Je nach Befund sind weitere Hormonuntersuchungen nötig.
Ursache des Testosteronmangels bestimmt Behandlung
Steckt beispielsweise starkes Übergewicht oder eine andere Erkrankung hinter den niedrigen Testosteronwerten, sollte zuerst die Ursache behandelt werden. Denn dadurch kann sich auch der Testosteronwert wieder verbessern.
Wann kann eine Testosterontherapie helfen?
Bei einem nachgewiesenen Testosteronmangel kann eine Behandlung mit Testosteron infrage kommen. Eine Auswertung der TRAVERSE-Studie zu Stimmung, Energie, Schlaf und kognitiven Leistungen (externer Link) mit 5.204 Männern zeigte leichte Verbesserungen bei Stimmung und Energie. Die Schlafqualität und die kognitive Leistungsfähigkeit verbesserten sich gegenüber Placebo dagegen nicht. Die Teilnehmer waren zwischen 45 und 80 Jahre alt, hatten einen nachgewiesenen Testosteronmangel und Beschwerden.
Eine weitere Auswertung der Studiendaten zur sexuellen Funktion (externer Link) mit 1.161 Männern, die über eine geringe Libido berichteten, ergab, dass die Behandlung dieser Männer die sexuelle Aktivität und das sexuelle Verlangen verbessern konnte. Bei der Erektionsfähigkeit zeigte sich dagegen kein Vorteil gegenüber Placebo.
Wichtig für Männer mit Kinderwunsch: Von außen zugeführtes Testosteron kann die Spermienbildung deutlich unterdrücken. Bei aktuellem Kinderwunsch kommt eine Testosterontherapie daher nicht infrage.
Erhöht eine Testosterontherapie das Herz-Kreislauf-Risiko?
Beim Herz-Kreislauf-Risiko liefert die TRAVERSE-Studie (externer Link) insgesamt beruhigende Ergebnisse. Die Studienteilnehmer hatten einen nachgewiesenen Testosteronmangel sowie eine bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung oder ein erhöhtes Risiko dafür. Unter Testosteron kam es nicht häufiger zu schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen als unter Placebo. Dazu zählten Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie nicht tödliche Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Ganz ohne Risiken ist eine Testosterontherapie deshalb trotzdem nicht. In der Testosterongruppe traten unter anderem Vorhofflimmern, akute Nierenschädigungen und Lungenembolien häufiger auf. Ob die Behandlung tatsächlich dafür verantwortlich war, lässt sich aus der Studie allein allerdings nicht ableiten.
Die Studie zeigt damit ganz gut, worauf es ankommt: Testosteron ist kein harmloses Mittel, um sich mit zunehmendem Alter wieder fitter zu fühlen. Wer tatsächlich einen Testosteronmangel hat, kann aber von einer gezielten Behandlung profitieren. Mit „Wechseljahren des Mannes“ hat das aber wenig zu tun.

