Einmal wird in diesem Buch, in dem sich so viele verstreute Gedanken finden, so viel Lese-Fallobst und auch kurzen Dialog-Szenen, einmal also wird in diesem Buch auch „getwittert“. Man kann sich leicht ausmalen, wie das „digitale Zuchttheater“, das auf der jetzt X geheißenen Plattform täglich zur Aufführung gelangt, reagieren wird auf das, was Botho Strauß in „Bleiben und Blicken“ schreibt.
Strauß präsentiert sich als großer Leser
„Eine Demokratie“, so liest man dort, „wird einen rechtsstehenden Autor immer verleumden, verpönen oder sogar geistig vernichten. Er ist ihrem politischen Selbstverständnis wie auch ihrem Literaturverständnis das widrigste Element.“ Um es mit einem Wort aus diesem Buch zu sagen: das „Unmutsgebell“ seiner Kritiker ist Botho Strauß damit einmal mehr sicher.
Seit seinem 1993 publizierten Essay „Anschwellender Bocksgesang“ ist dieser Autor vielen politisch verdächtig. Und man kann nicht umhin, festzustellen, dass Strauß sich in dieser Rolle des Outcasts gefällt. Er ist dabei allerdings weniger Reaktionär als vielmehr lustvoller Anachronist und Anachoret, ein Einsiedler also, der fernab des Getöses in der Uckermark liest und lebt, in seinem, wie er schreibt, „Labor der Abkehr“ von der Gegenwart. Ein Autor, so Strauß, habe im Alter die vornehme Aufgabe, „sich Tag für Tag empfänglicher zu machen für große Werke der Überlieferung“.
Also lässt uns Botho Strauß in seinem 82. Lebensjahr an seinen Lektüren teilhaben: darunter entlegene walisische Sagen sowie die Schriften der französischen Moralisten, an deren Vorbild er sich orientiert. Dabei gibt er sich so zeitenthoben wie zeitverhaftet. Der Zeitkritiker Strauß kennt das Computerspiel „Dungeons & Dragons“ genauso wie das „plumpe Jargonieren“, das ihm missfällt und an dem er sich hier ein weiteres Mal nicht zu Unrecht abarbeitet.
Manchmal gestelzt, doch immer geistreich
Dass es bei einem Autor, der stets „diesen einen Damals-Ton zu finden“ sucht, mitunter gestelzt zugeht, versteht sich von selbst. Hier spricht einer, dessen Bühnenwerk mal weltberühmt war, seinen „Solilog“, wie er es nennt.
Es wird hoffentlich noch die geben, zu denen diese Prosa spricht, die so viel „Einstweh“ atmet und der alles Marktgängige abgeht. Seine Leser, so Strauß, seine „happy few“, bildeten den – Zitat – „kleinen Haufen der von der Literatur Entmachteten“. Man muss das wörtlich nehmen: Diese Schar ergibt sich der Literatur; sie rekapituliert nicht nur ihre großen Texte, sie kapituliert auch vor ihrer Strahlkraft, unterwirft sich der Erzählkunst. Dabei gelingen Botho Strauß immer mal wieder hübsche Bonmots.
„Jeder lebende Mensch amüsiert einen Ahnen, der im Jenseits gerade nichts mit sich anzufangen weiß“, liest man da zum Beispiel. Ohnehin besitzt dieser Autor, der hier leise selbstironisch übers Altern räsoniert, ja viel mehr Witz als allzu platte Lesarten seiner Literatur uns weismachen wollen.
Berührende Passagen über den Sohn Simon
Die schönsten, die innigsten Passagen dieses Buches handeln von der Liebe des Vaters Strauß zu seinem nicht namentlich genannten Sohn Simon. Er erinnert sich an die Zeit mit ihm als Kind, an ihre Wanderungen rund um die Seen und über die Felder der Uckermark. Jene Uckermark, in der im Herbst viele Kraniche rasten, aus deren Hälsen („wie Stabsaugerschläuche“) ein „kreidiges Grölen“ zu vernehmen ist.
Diese „Nennfreude“, dieser sprachliche Witz, so altbacken er hier und da erscheinen mag, nimmt einen immer wieder neu ein für dieses Buch.

