Als die Welt in Volker Schlöndorffs neuem Film noch perfekt erscheint, stellt ein jüdisches Mädchen eine Frage: Warum schauen alle immer so gern aufs Wasser? Vielleicht, so mutmaßt ihr Vater, weil über dem Wasser so viel leerer Himmel sei. Und manchmal würden Menschen gern einfach mal nichts sehen.
Schlöndorff kämpfte mit der fragmentarischen Form des Romans
Hinschauen ohne Hinzuschauen – das ist eines der bestimmenden Themen in „Heimsuchung“. Ein Haus am brandenburgischen Scharmützelsee ist der zentrale Ort dieser so politischen wie persönlichen Deutschlandchronik. Auf kleinstem Raum wird von großen Umbrüchen erzählt: vom Ende der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, der DDR, der Nachwendezeit. Und von Flucht, Vertreibung, der Suche nach Sicherheit, dem Verfall der Moral.
Basis dieses komplexen Stoffs ist der Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Das anfangs erwähnte Gespräch zwischen Vater und Tochter kommt auch im Buch vor. Als Schlüsselszene zu erkennen ist es dort jedoch nicht so leicht. Dazu ist der Erzählstil zu fragmentarisch, wechseln die Zeitebenen zu sehr. Was auch Volker Schlöndorff vor Herausforderungen gestellt hat.
Obwohl der Impuls zur Verfilmung von ihm ausging – beim Verfassen des Drehbuchs merkte er bald, dass er sich da keinen ganz leichten Stoff eingebrockt hat. Die ständigen Zeitsprünge seien für ihn als Regisseur „grauenhaft“ gewesen, sagt er im Interview. „Da ist man ja völlig verloren als Zuschauer. Und ich hab deshalb versucht, ob sich diese Geschichte auch chronologisch erzählen lässt.“
Erpenbeck half beim Ausarbeiten der Dialoge
Natürlich hat das geklappt. Zum einen, weil Schlöndorff im Laufe seiner 60 Jahre umfassenden Karriere schon zahlreiche Romane für die Leinwand adaptiert hat. Und zum anderen, weil Jenny Erpenbeck ihn unterstützt hat – vor allem beim Ausarbeiten der Dialoge, die es im Roman praktisch nicht gibt.
Die Kostüme, die Landschaft und das Haus am See – gedreht wurde im südlich von Potsdam gelegenen Sommerhaus von Albert Einstein – sind eine Augenweide. Doch was hier im Lauf der Jahrzehnte geschieht, wirft dunkle Schatten auf das Idyll. Lars Eidinger spielt einmal mehr einen schmierigen Widerling. Als NS-treuer Architekt nutzt er die Not seiner jüdischen Nachbarn aus, die zu Flucht und Grundstücksverkauf gezwungen sind.
Ein Cast voller deutscher Stars
Eine andere Form der Gefühlskälte transportiert Martina Gedeck. Auch sie sticht aus dem Cast heraus, spielt in einem späteren Kapitel des Films eine aus dem russischen Exil heimgekehrte Schriftstellerin. Um in dem nun in der DDR gelegenen Seehaus ein besseres Leben führen zu können, verrät sie ihre Ideale.
Letztlich scheitert sie, wie so viele andere in „Heimsuchung“. Auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit werden sie von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, werden mit persönlichen Fehlern konfrontiert, die auch für die Verfehlungen der Gesellschaft stehen.
Den nüchternen und auch deswegen so einnehmenden Stil der Buchvorlage kann Schlöndorff nicht auf die Leinwand übersetzen, bisweilen wird es doch arg pathetisch. Aber vielleicht wollte er genau das. Denn mit Emotionen erreicht man Menschen. Idealerweise auch jene, die zunehmend geschichtsvergessen sind und die aktuellen politischen Umbrüche betrachten wie die Filmfiguren am See: Sie schauen hin, aber sie sehen nicht.

