„Schlicht und einfach eine Abrechnung“ mit König Charles III. sei Charles Spencers Buch „Schwanengesang“, urteilte die ehrwürdige britische „Times“ [externer Link]. Dem Monarchen werde nichts weniger als „brutale Gefühllosigkeit“ nach dem Unfalltod seiner damaligen Ex-Frau Lady Diana am 31. August 1997 vorgeworfen. Von einer „blutigen Fehde im Stil von Shakespeare“ war in der „Times“ die Rede, die der allgemeinen Aufregung um den mutmaßlichen Bestseller gleich mehrere Artikel widmete („die 15 wichtigsten Behauptungen“) und immerhin auch ein paar „ergreifende Szenen“ ausfindig gemacht haben will.
Charles III. sei „außer sich“, versicherte der konservative „Daily Telegraph“ [externer Link], der Angriff auf ihn sei „unverzeihlich“, „bedauerlich“ und „bedeutungslos“. Bei Spencers Buch gehe es gar nicht um Lady Diana, sondern in Wahrheit um das „monumentale Ego“ des Autors.
War Charles „überglücklich wie ein Lottogewinner“?
Spencer behauptet, der damalige Thronfolger Charles habe am Telefon nach dem Tod seiner Ex-Frau Diana „überglücklich“ geklungen, wie ein „Lottogewinner, dachte ich damals“. Es wurde sogar der angeblich gefallene Satz von Charles über Diana zitiert: „Wir werden sie bald genug vergessen“. Spencer befand sich am Tag des tödlichen Unfalls von Lady Di in seinem Haus im südafrikanischen Kapstadt.
Im BBC-Interview präzisierte Spencer [externer Link], er sei vom „beschwingten Tonfall“ („giddy tone“) von Charles irritiert gewesen, zumal andere Gesprächspartner an dem schicksalhaften Tag am Boden zerstört gewesen seien: „Jedes einzelne Wort entspricht genau dem, was ich damals gesehen und empfunden habe“, so der Autor. „Ich war überrascht von seinem erleichterten Tonfall, das ist das, an was ich mich erinnere.“ Wie Charles das Ereignis tatsächlich empfunden habe, könne er natürlich nicht sagen. Spencer sprach von einer „possibility“, also davon, dass seine Darstellung eine denkbare „Möglichkeit“ sei.
In einem zweiten Telefonat mit Charles habe es eine lautstarke Auseinandersetzung über die Frage gegeben, ob Dianas damals noch sehr jugendliche Söhne William und Harry im Beerdigungszug hinter ihrem Sarg herlaufen sollten. Der Palast habe es so entschieden, er sei dagegen gewesen, so Charles Spencer.
„Spencer redet einfach nur Unsinn“
Die Aufregung über diese Darstellung war so groß, dass der Buckingham Palast sich gezwungen sah, dazu eine Stellungnahme abzugeben: „Obwohl wir aus Prinzip keine Kommentare zu Büchern abgeben, ist sich Seine Majestät bewusst, dass der Schmerz brüderlicher Trauer das Urteilsvermögen trüben, die Vernunft beeinträchtigen und die Erinnerung auf eine Weise einfärben kann, die andere nicht nachvollziehen können, selbst viele Jahre nach einem solchen Verlust.“
Dickie Arbiter, 1997 Pressesprecher der damaligen Königin Elisabeth II., sagte der BBC [externer Link], Charles sei von Dianas Tod „am Boden zerstört“ gewesen: „Unmöglich, dass er jemals so etwas gesagt hätte. Charles Spencer redet einfach nur Unsinn.“
„Widerlicher, selbstherrlicher Kröterich“
Die britische Boulevardpresse steigt seit Tagen ganz groß auf das Thema ein, zumal die auflagenstarke „Daily Mail“ den Inhalt des Buchs in kurzen Auszügen vorab verbreitet hatte. Weiteres Ungemach dürften die Royals zu erwarten haben, falls Prinz Harry tatsächlich, wie er angeblich „erwägt“, im kommenden Jahr, zum 30. Todestag seiner Mutter, eine TV-Doku über ihr Leben produzieren sollte. Entschieden sei allerdings diesbezüglich noch nichts. Laut Charles Spencer hat Harry „absolut kein Problem“ mit dem Inhalt des Enthüllungsbuchs.
Das Massenblatt „The Sun“ kritisierte [externer Link], Spencers Buch sei „hastig zusammengeschustert“, um die Royals „in Verlegenheit zu bringen“. Spencer selbst wurde als „widerlicher, selbstherrlicher Kröterich“ beschimpft, der „genauso gut auf Dianas Grab tanzen“ könne.
„Influencer-Krieg der Superlative“
„Swan Song: Diana, my sister“ kam am 22. September in den Handel. Über die kostenlose PR durch die britische Massenpresse dürfte sich Charles Spencer freuen, trotz des traurigen Inhalts seiner Erinnerungen. Der begüterte Adelige, ehemals sogar Mitglied im britischen Oberhaus, verdient seinen Lebensunterhalt als „freier Journalist“ und war mehrere Jahre für Fernsehsender tätig, ist also ein Medienprofi.
Fazit von „Guardian“-Kolumnistin Marina Hyde [externer Link]: „Das Ganze ist im Grunde nichts anderes als ein Influencer-Krieg der Superlative, und ich werde erst zufrieden sein, wenn der König ein bissiges TikTok-Video veröffentlicht, in dem er mit Sonnenbrille über das Anwesen von Sandringham fährt…“

