Die Botschaft bei der Protestaktion des Sozialverbands VdK in München ist klar: so nicht. Viele Mitglieder befürchten durch die geplanten Reformen einen Sozialabbau. Vor allem das mögliche Aus der abschlagsfreien Rente nach 45 Arbeitsjahren stößt vielen auf.
Der VdK erfährt täglich von wachsenden Sorgen seiner bayernweit über 800.000 Mitglieder. „Ich habe den Eindruck momentan, dass diese Reformen nicht durchdacht sind“, sagt der stellvertretende VdK-Landesvorsitzende Hermann Imhof. Das Thema müsse mit den Menschen erarbeitet und Vertrauen gestärkt werden. „Unsere Durchschnittsrentnerin im VdK hat etwa 800 Euro. Und jede vierte Frau ist armutsgefährdet“, ergänzt Imhof.
Nach 45 Jahren abschlagsfrei in Rente?
In der Politik wird zurzeit heftig diskutiert: Die SPD hält an der sogenannten Rente mit 63 Jahren fest, während die CDU überzeugt ist, dass die Reform dringend nötig ist und die Renten an die gestiegene Lebenserwartung angepasst werden müssen.
Laut Deutscher Rentenversicherung haben 2019 rund 253.000 Menschen bundesweit über dieses Modell aufgehört zu arbeiten. Das entspricht 31 Prozent aller, die neu in Rente gegangen sind. 2025 waren es rund 262.000 Menschen, also 28 Prozent aller, die ihre Rente begonnen haben.
Fachkräftemangel, Know-how und Freude an der Arbeit
Das Maschinenbauunternehmen Alpma in Rott am Inn hat über 900 Mitarbeiter. Wer lange im Betrieb ist, hat Know-how, das in Zeiten des Fachkräftemangels schwer zu ersetzen ist. Bei Alpma baut man deshalb auf die bewährten Fachkräfte. Weil die Firma ein starkes Wachstum verzeichnet, muss sie kein älteres Personal abbauen, wie andere Branchen.
„Die Mitarbeiter stehen noch mitten im Leben, die sind fit, die wollen auch noch arbeiten“, bestätigt Geschäftsführer Frank Eberle. „Wenn wir jetzt noch den Anreiz hätten aus der Politik, dass das auch monetär wirklich etwas bringt für den Einzelnen, dann würden es auch mehr MitarbeiterInnen in Anspruch nehmen.“
Seit 44 Jahren arbeitet Gerlinde Hannemann bei der Deutschen Bahn in Nürnberg. Und das aus voller Überzeugung. Anfangs koppelte sie Güterzüge ab, arbeitete sie sich über viele Jahre hoch. „Für mich ist die Bahn mein Leben, mein Traum gewesen“, sagt Hannemann. Doch jahrelange Schichtarbeit hat ihr zugesetzt. Mehr als 45 Jahre arbeiten schafft sie kräftemäßig nicht, sagt sie. „Menschen, die so lange gearbeitet haben wie ich, haben es verdient, nach so vielen Jahren abschlagsfrei zu gehen“, fügt Hannemann hinzu. Für sie geht die Diskussion der Politiker an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Eine längere Arbeitszeit ist für sie unvorstellbar: „Weil ich wäre gezwungen, meine Arbeit aufzugeben und mit Abschlägen zu gehen. Und ob ich dann meinen Lebensabend noch finanzieren kann, steht dahin.“
Wie steht es um die Generationengerechtigkeit?
Die IHK München warnt davor, das Rentenpaket wieder aufzuschnüren. Angesichts des demografischen Wandels seien Einschnitte überfällig. Deutschland steht vor einem historischen Alterungsschub. Die Balance zwischen Einzahlenden in die Rentenversicherung und Empfängern von Renten müsse neu hergestellt werden, sagt Manfred Gößl, Geschäftsführer der IHK München und Oberbayern. „Die Jüngeren können einfach einen Alterungsschub nicht so mittragen, sonst sind sie diejenige Gruppe, die allein belastet ist.“ Alle Gruppen müssten einen Beitrag leisten, so Gößl. „Wenn der Staat allerdings zulasten der Beitragszahler eine bestimmte kleine Gruppe bevorzugt, dann ist das nicht gerecht aus der Perspektive aller anderen Gruppen.“ Das sei auch der Fall bei der Rente mit 63.
Die Diskussion um die Rente nach 45 Jahren steht für viel mehr als nur eine einzelne Reform. Sie steht für Anerkennung, Gerechtigkeit und die Frage, was sozialer Ausgleich in einer alternden Gesellschaft wert ist.

