Auch nach der Veröffentlichung eines Zwischenberichtes der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung BFU (externer Link) ist weiter unklar, was genau Mitte August beinahe zu einer Katastrophe am Münchener Flughafen geführt hatte. Damals schaffte eine Boeing 787 der Vietnam Airlines den Start nur mit Mühe, nachdem sie zuvor mehrfach abgebremst hatte, so die Erkenntnisse der Behörden.
Warum es zu der folgenreichen Bremsung kam, soll nun im Detail untersucht werden. Im Raum stehen Pilotenfehler oder technisches Versagen. Sollte es ein Fehler der Bremsanlage gewesen sein, dann würde sich das in eine lange Geschichte technischer Probleme mit der 787 einreihen.
Vom Hoffnungsträger zum Pannenflieger
Eigentlich sollte die Boeing 787 eine technische Revolution sein. Als „Dreamliner“ vermarktet sollte der Langstreckenjet dem US-Hersteller im ewigen Wettstreit mit seinem europäischen Rivalen Airbus einen technischen und auch wirtschaftlichen Vorsprung sichern.
Dafür entwickelte Boeing mit Milliardenaufwand eine Maschine, deren Rumpf dank eines hohen Anteils an Kohlefaser-Verbundwerkstoffen (CFK) vergleichsweise leicht und damit spritsparend sein sollte. Gleichzeitig pflanzten die Ingenieure dem Jet sehr viel neue Elektronik und Digitaltechnik ein. Den Passagieren wollte man dank einer geräumigen Kabine mit großen Fenstern sowie mit einer Mischung aus leisen Triebwerken und guter Schalldämmung viel Komfort bieten.
Boeing hatte allerdings unterschätzt, dass man zuvor wenig Erfahrung mit den verbauten Materialien und dem Umfang der Bordelektronik sowie den neuen Batteriesystemen gemacht hatte. Die Folge war eine regelrechte Serie von Problemen, die dem Dreamliner schnell den Ruf eines Pannenfliegers einbrachten und den Hersteller Boeing nach dem Erstflug 2009 nicht nur viel Zeit und Geld, sondern auch Renommee kosteten.
Verschmorte Batterien, gefährliche Softwarefehler
Die Fehlerkette zog sich dabei mehr oder weniger durch das ganze Flugzeug. So wurden zunächst bei Zulieferteilen eines italienischen Herstellers Schwächen in der Verbindung der Karbonteile entdeckt. In der Folge gab es mehrfach erhebliche Probleme mit den großen Batterien des Fliegers.
2013 verschmorten mehrfach Batteriesysteme, eine Maschine musste deshalb in Japan notlanden. Aufsichtsbehörden in aller Welt verhängten deshalb ein Flugverbot für Dreamliner, das Batteriesystem musste umkonstruiert und durch eine Art Kasten ummantelt werden. Darüber hinaus gab es eklatante Software-Probleme, unter anderem mit einem Bremscomputer.
Pannen schaden dem Ruf von Boeing
Lange hatte es in der Luftfahrtbranche einen Werbeslogan gegeben, der sich auf die einst legendäre Zuverlässigkeit des Herstellers bezog: „If it ain’t Boeing, I ain’t going“. Zu deutsch: „Wenn es nicht von Boeing ist, dann fliege ich auch nicht damit“. Zahlreiche Pannen und Schlampereien haben dieses Vertrauen erheblich angekratzt. Heute heißt es deshalb in vielen Fliegerei-Foren: „If it’s Boeing, I’m not going“ – in etwa: „Boing? Nein danke“.
So gab es bei verschiedenen Flugzeugtypen des Herstellers erhebliche Qualitätsprobleme. Whistleblower warfen dem Unternehmen in Interviews und Stellungnahmen für Aufsichtsbehörden vor, es mit der Qualitätssicherung nicht genau zu nehmen. Man habe immer wieder Mängel und teilweise auch fehlende Bauteile festgestellt. Ein solcher Fall führte dann tatsächlich zu einer Beinahe-Katastrophe: Im Januar brach bei einer 737 und damit einem kleineren Boeing-Jet während des Fluges ein Rumpfteil mit einem eingebauten Fenster aus der Maschine. Der Grund: Das Teil war fehlerhaft eingebaut.
Lufthansa setzt dennoch auf Boeing 787
Trotz der vielfältigen Probleme setzen international viele Fluggesellschaften auf verschiedene Versionen der 787, auch die Lufthansa. Dafür gibt es verschiedene Gründe. So drückte Boeing seine Maschinen wegen des schlechten Rufes eine Weile mit erheblichen Rabatten in den Markt. Dazu kommt, dass sich Kunden wie die Lufthansa ungern von einem einzigen Anbieter abhängig machen.
Aus Sicht der Lufthansa sind die Boeing-Jets auch deswegen attraktiv, weil sie zum Teil deutlich schneller verfügbar sind als die Konkurrenzprodukte von Airbus. Doch auch die Lufthansa konnte den Dreamliner erst mit jahrelanger Verspätung einführen. Dafür war aber in diesem Fall nicht Boeing verantwortlich. So hatte die Lufthansa unter dem Namen Allegris neue Sitze entwickelt, die lange von den US-Behörden nicht zugelassen wurden.

