Wohnraum ist vielerorts knapp und teuer. Gleichzeitig stehen mitten in bayerischen Städten und Gemeinden Büros, Geschäfte und Gewerbeimmobilien leer. Das bayerische Bauministerium will beide Probleme gemeinsam angehen: Das Projekt „Leerstand jetzt WOHNEN“ [externer Link] will ungenutzte Gebäude in kostengünstigen Mietwohnraum umwandeln und Ortskerne beleben.
Bestehende Gebäude statt neuer Baugebiete
Bauminister Christian Bernreiter (CSU) sieht in leer stehenden Immobilien ein bislang zu wenig genutztes Potenzial. „Wir wollen schauen, dass wir wieder Leben in die Innenstädte bringen“, sagt er. Es gehe darum, nicht immer neue Grundstücke zu versiegeln und Siedlungsflächen nach außen zu erweitern. Gleichzeitig müsse das Problem des Leerstands gelöst werden.
Das Modellvorhaben richtet sich an Städte und Gemeinden, die leer stehende Gewerbe-, Büro- oder Einzelhandelsflächen besitzen und daraus bezahlbare Wohnungen schaffen wollen. Dabei werden Wohnraumförderung und Städtebauförderung verknüpft. Die Kommunen erhalten nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Beratung bei Planung, Genehmigung und Umsetzung. Die Erfahrungen aus den ersten Projekten sollen anschließend auf andere Gemeinden übertragen werden.
Acht neue Wohnungen im alten Rathaus
Eine der fünf Pilotgemeinden ist Reischach im oberbayerischen Landkreis Altötting. In dem Ort mit rund 2.800 Einwohnern gibt es viele große Einfamilienhäuser, aber nur wenige kleine und bezahlbare Wohnungen. Vor allem für junge Erwachsene ist es deshalb schwierig, nach dem Auszug aus dem Elternhaus in der Gemeinde zu bleiben. „Da haben wir zu wenig Wohnraum, vor allem bezahlbaren Wohnraum“, sagt Bürgermeister Alfred Stockner. Wer als junger Mensch einmal weggezogen sei, komme häufig nicht zurück. Das betreffe nicht nur die Gemeinde, sondern auch Vereine und das gesellschaftliche Leben im Ort.
Deshalb soll das alte Rathaus, das seit dem Umzug der Verwaltung leer steht, umgebaut werden. In dem Gebäude sollen acht Wohnungen für junge Menschen entstehen. Gemeinsam mit Architekt Michael Leidl sucht die Gemeinde nach Lösungen, die den Bestand weitgehend erhalten und trotzdem heutige Anforderungen erfüllen.
Der Umbau ist anspruchsvoll. Das Rathaus wurde in den 1950er-Jahren errichtet, als Baumaterial knapp war und entsprechend sparsam eingesetzt wurde. Zudem hatte das Gebäude im Laufe seiner Geschichte unterschiedliche Funktionen und Bewohner – von der Verwaltung über die Post bis zur Feuerwehr. Nun muss es an die Anforderungen einer Wohnnutzung angepasst werden.
Geringere Standards senken die Umbaukosten
Eine wesentliche Hilfe sind angepasste bauliche Vorgaben. Bei einer regulären Wohnraumförderung müsste das Gebäude umfassend barrierefrei erschlossen werden. Im Rahmen des Modellvorhabens reicht es aus, die Wohnungen im Erdgeschoss barrierefrei zu gestalten.
Solche Vereinfachungen sollen verhindern, dass der Umbau an Standards scheitert, die im Bestand nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand umzusetzen wären. Sicherheitsanforderungen werden dabei nicht aufgehoben. Vielmehr soll geprüft werden, welche Vorgaben für das konkrete Gebäude notwendig und angemessen sind.
Auch die Förderung entlastet Reischach erheblich. Der Umbau kostet insgesamt rund 2,6 Millionen Euro. Das sei dennoch günstiger als ein Abriss mit anschließendem Neubau, sagt Bürgermeister Alfred Stockner. Dank der Förderung muss die Gemeinde nach eigenen Angaben nur etwa 750.000 Euro selbst tragen. Dadurch sollen die späteren Mieten bezahlbar bleiben.
Künftige Bewohner planen Wohnungen mit
Die jungen Menschen aus Reischach wurden frühzeitig an der Planung beteiligt. Sie konnten beispielsweise mitentscheiden, wie Gemeinschaftsräume genutzt werden und ob Waschmöglichkeiten in den Wohnungen oder in einem gemeinsamen Keller entstehen sollen. Viele von ihnen können sich vorstellen, später selbst in das alte Rathaus einzuziehen. Für sie verbindet das Projekt günstigen Wohnraum mit der Möglichkeit, im vertrauten Ort zu bleiben.
Gestartet ist „Leerstand jetzt WOHNEN“ mit fünf Pilotprojekten und rund 50 geplanten Wohnungen. Inzwischen gibt es nach Angaben des Ministeriums 20 konkrete Vorhaben. Bis Mitte 2028 soll das Programm auf 50 Projekte mit insgesamt etwa 500 Wohnungen anwachsen.
In Reischach soll der Umbau bereits Ende kommenden Jahres abgeschlossen sein und dann die ersten Mieter einziehen. Das Interesse anderer Kommunen ist da: Erste Bürgermeisterinnen und Bürgermeister haben sich bei Alfred Stockner bereits nach seinen Erfahrungen erkundigt. Das alte Rathaus könnte damit über Reischach hinaus zum Vorbild werden.

