Die Sonne scheint über Ingolstadt. Doch zur Stimmung vieler Audi-Beschäftigter will das Wetter an diesem Freitag so gar nicht passen. In langen Schlangen stehen die Mitarbeitenden vor den Türen der großen Halle am Stammsitz von Audi. Am Ende sind rund 7.000 bei der Betriebsversammlung dabei. Bei vielen liegen die Nerven blank. „Mal Fakten, das wär mal wichtig, weil wir warten eigentlich schon lange“, sagt einer, ein anderer fürchtet das Schlimmste: „Wir müssen nicht schönreden, dass wir einen Stellenabbau haben. Das wird auf uns zukommen.“
Der Audi-Vorstandsvorsitzende Gernot Döllner stimmte die Audianer schon vor der Versammlung auf schwere Zeiten ein: „Die Automobilindustrie befindet sich in einem fundamentalen Umbruch“, so der Chef der Ringe. Deswegen will das Unternehmen die Zukunftsvereinbarung von 2025 neu verhandeln. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich massiv verschlechtert.
Bleibt die Beschäftigungsgarantie für Audi-Mitarbeiter?
Das Unternehmen beruft sich auf die sogenannte Schlechtwetterklausel. Diese gibt es bereits seit 2019. Sie ermöglicht es Betriebsrat und Unternehmen, bei einer deutlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage vorzeitig über Änderungen bei Arbeitsbedingungen und Kosten zu verhandeln. Für Gernot Döllner sind die Voraussetzungen dafür erfüllt.
Ende 2024 wendete Audi sie schon einmal an. Als Ergebnis entstand die Zukunftsvereinbarung von März 2025. Die wichtigsten Punkte darin: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis zum 31. Dezember 2033 ausgeschlossen. Das monatliche Tarifentgelt sowie bestimmte Zulagen und Zuschläge sind geschützt. Dafür sollen bis 2029 bis zu 7.500 Stellen in indirekten Bereichen sozialverträglich abgebaut werden, abgebaut werden, beispielsweise über Altersteilzeitmodelle. Die Beschäftigten machten außerdem finanzielle Zugeständnisse, unter anderem bei der Ergebnisbeteiligung.
Der Stellenabbau bei Audi läuft bereits
Beim Stellenabbau sei man laut Unternehmen auf einem guten Weg, heißt es aus dem Unternehmen. Bereits im Juni waren rund 4.500 der bis Ende 2027 vorgesehenen bis zu 6.000 Stellenstreichungen umgesetzt oder vertraglich vereinbart. Welche Punkte der Zukunftsvereinbarung jetzt genau nachverhandelt werden sollen, hat Audi noch nicht auf den Tisch gelegt. Der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2033 soll allerdings nicht Gegenstand der Verhandlungen sein. Das erklärte der Betriebsrat in Neckarsulm gegenüber dem SWR. Konkrete Pläne für einen weiteren Stellenabbau nannte auch Audi-Chef Döllner bislang nicht: „Es ist zu früh Zahlen zu nennen. Es steht auch noch kein Zeitplan. Wir wollen jetzt erstmal die Gespräche mit dem Betriebsrat aufnehmen.“
Bei Audi bricht der Umsatz weg
Der Ingolstädter Autohersteller steht wirtschaftlich unter Druck. Im ersten Halbjahr brach der Konzernumsatz um gut zehn Prozent auf 29 Milliarden Euro ein. Wie geht es jetzt für die Standorte weiter? Nach einem Bericht der „Mitteldeutschen Zeitung“ könnte ein Nachfolger des bislang in Neckarsulm gebauten A8 künftig im Porsche-Werk Leipzig gefertigt werden. Eine Entscheidung darüber gibt es bislang nicht, für das Werk nahe Heilbronn wäre das aber ein herber Schlag.
Der Betriebsrat fordert Perspektiven
Fraglich ist, ob die Voraussetzungen für die Schlechtwetterklausel tatsächlich erfüllt sind. Der Betriebsrat will das genau prüfen. Auf der Betriebsversammlung übte Gesamtbetriebsratschef Jörg Schlagbauer deutliche Kritik an der Chefetage: „Audi wird nicht dadurch groß, dass man es kleinspart.“ Es brauche eine klare Richtung, starke Produkte und eine gemeinsame Zukunftsstrategie. Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Rita Beck machte deutlich, weitere Zugeständnisse der Beschäftigten könne es nur geben, wenn Audi verbindliche Perspektiven für Arbeitsplätze, Produkte und Standorte biete. „Die Zukunft von Audi wurde nicht beschlossen. Sie wird jetzt verhandelt. Und Beiträge ohne Perspektive wird es mit uns nicht geben“, sagte Beck.
Mitarbeiter verunsichert und besorgt
Schon vor der Betriebsversammlung war die Verunsicherung unter den Beschäftigten groß. Besonders die Zukunft der beiden deutschen Standorte bereitet Sorgen. Audi-Chef Döllner versucht, den Beschäftigten trotz der schwierigen Lage Hoffnung machen. Er wisse, dass er ihnen gerade viel abverlange und Veränderungen Unsicherheit auslösten. Zugleich machte Döllner klar: „Wir haben bei Audi starke Produkte, großes technologisches Know-how und Menschen, die dieses Unternehmen jeden Tag voranbringen. Darauf können wir aufbauen. Aber wir müssen jetzt gemeinsam handeln.“ Wie dieses gemeinsame Handeln aussieht, wird sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen. Schnellst möglich sollen alle Beteiligten an den Verhandlungstisch kommen.

