Reality-Shows wie „Bachelor in Paradise“, „Dschungelcamp“ oder das „Survivor“-Franchise versprechen Unterhaltung. Challenges müssen gewonnen, Würmer verspeist und Zähne gefletscht werden.
Doch nicht nur vor der Kamera wird gestritten, auch hinter den Kulissen. So jedenfalls beim spanischen „Survivor“-Ableger. Gerade läuft eine neue Staffel von „Supervivientes: All Stars“ auf Telecinco. Drehort ist die honduranische Karibik, wo rund ein Dutzend mehr oder weniger Prominente auf einer einsamen Insel überleben müssen. Die ist allerdings nicht so einsam, wie es scheint.
Vermeintlich einsame Inseln der Reality-Shows
Viele, die hier wirklich leben, sind gar nicht begeistert: „Wir haben ein Protestcamp am Strand errichtet, um gegen die Dreharbeiten zu protestieren“, erzählt die Menschenrechtlerin Mabel Robledo im Interview mit Bayern 2 Zündfunk. Sie gehört zur afro-indigenen Volksgruppe der Garífuna, die auf dem Archipel Cayos Cochinos leben. Seit 2007 wird dort mehrmals jährlich gedreht.
„Die Dreharbeiten verletzen unsere Grundrechte“, so Robledo. Den Fischern sei es währenddessen verboten, die Strände für die Köderfischerei zu nutzen, was Armut und Hunger verstärke. Mitte September haben deshalb rund 40 Garífuna-Angehörige aus Zelten und Matratzen das Protestlager errichtet.
Vorwürfe gegen Polizei und Produktion
Amnesty International zufolge kontrolliert die Polizei seitdem immer wieder die Protestierenden wegen angeblichen Fehlverhaltens. Trotz Räumungsbefehl: Eine Auflösung des Camps ist bisher nicht erfolgt, laut Robledo sehr zum Unmut des Produktionsteams. Manche Show-Teilnehmer und auch -Mitarbeiter hätten die Protestierenden rassistisch beleidigt. „Sie haben sich auf die Brust getrommelt und am Kopf gekratzt, um uns als Affen verächtlich zu machen.“
Der Fernsehsender Telecinco schreibt auf Nachfrage, der Respekt gegenüber der lokalen Bevölkerung und dem Gebiet, in dem die Sendung gedreht wird, sei ein Grundsatz, dessen Einhaltung für alle Mitglieder des Reality-Show-Teams verbindlich sei.
Meeresschildkröte in Gefahr?
Mabel Robledo sieht das anders. Die Dreharbeiten fänden ausgerechnet in der Zeit statt, in der Meeresschildkröten an den Stränden ihre Eier ablegen. Geld würde über Umweltschutz und Biodiversität gestellt. Der verantwortliche Fernsehsender weist die Vorwürfe zurück. Die Stiftung Cayos Cochinos, die das Naturschutzgebiet, in dem die Inseln liegen, verwaltet, lege fest, wo gedreht werden dürfe. Ein Kriterium sei dabei, dass an genutzten Stränden seit mindestens 20 Jahren keine Schildkröteneier mehr abgelegt worden seien.
Alle Genehmigungen lägen vor. Die Stiftung befürworte die Dreharbeiten, genau wie die honduranische Regierung. Doch genau hier liegt der Knackpunkt: Da es sich um angestammtes Land der Garífuna handelt, dürfen Staat und Stiftung gar nicht ohne Zustimmung der Garífuna über dessen Nutzung entscheiden. Mabel Robledo und andere sind deshalb gegen den Staat Honduras vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen. Der urteilte 2025, Honduras habe, unter anderem bei der Genehmigung der Reality-Shows, das Recht der Garífuna auf kollektives Eigentum und den freien Gebrauch ihres angestammten Landes verletzt.
Konflikt eskaliert gewaltsam
Doch nach dem Urteil scheint sich die Situation noch verschärft zu haben. Laut Medienberichten ist Mabel Robledo kurz nach ihrer Zeugenaussage von vermummten Männern verprügelt und beinahe angeschossen worden. Sie selbst vermutet zwar nicht die Verantwortlichen der Reality-Show dahinter, sondern staatliche Stellen oder Investoren. Doch der spanische Fernsehsender würde es billigend in Kauf nehmen, dass die honduranische Polizei und Marine die Dreharbeiten notfalls mit Gewalt durchsetzten. Sie selbst habe bis heute Albträume wegen dem, was ihr angetan wurde. Seit das Gebiet zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, seien mehrere Fischer spurlos verschwunden.
Telecinco hält dagegen. Die Auseinandersetzung stehe in keinem Zusammenhang mit der Produktion von „Supervivientes“. Es handle sich um einen Konflikt zwischen regionalen Minderheitengruppen und lokaler Regierung.
Mabel Robledo fordert vom Staat Honduras die Einhaltung des Gerichtsurteils. Das sieht eine Entschädigung vor, genau wie den Schutz der Rechte der afro-indigenen Bevölkerung. Und sie fordert einen Drehstopp: „Den Leuten zu Hause vor dem Fernseher ist nicht klar, was für einen hohen Preis wir zahlen“, sagt sie. Ein hoher Preis für ein bisschen Unterhaltung.

