Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) wollte die Nachricht vergangene Woche als bemerkenswert verkaufen: Zum ersten Mal liegt der Frauenanteil unter allen Studierenden in Bayern bei genau 50 Prozent. Tatsächlich zieht Bayern damit als eines der letzten Bundesländer nach. Im bundesweiten Schnitt studieren bereits seit fünf Jahren mehr Frauen als Männer, bei den Studienanfängern gilt das bereits seit zehn Jahren, so das Statistische Bundesamt (externer Link). Doch die Parität im Hörsaal bedeutet keinesfalls auch gleiche Chancen beim Berufseinstieg und beim Gehalt.
Mehr Frauen an Universitäten als an Hochschulen
„Parität im Studium ist ein Fortschritt, aber sie garantiert noch keine Parität beim Gehalt oder beim Lebenseinkommen“, sagt Pia Schober, Direktorin des Instituts für Soziologie an der Universität Tübingen. „Es gibt noch viele andere Faktoren, die das Einkommen beeinflussen, und da sind die Geschlechterunterschiede immer noch sehr groß.“ Einer dieser Faktoren ist die unterschiedliche Studienfachwahl.
Insgesamt sind Frauen mittlerweile bei allen Fächergruppen außer Sport- und Ingenieurwissenschaften in der Mehrheit – sowohl bei Studierenden als auch bei Studienanfängerinnen. Besonders häufig studieren Frauen Geistes- und Sozialwissenschaften oder gesundheitsorientierte Fächer, die meist an Universitäten gelehrt werden. Das zeigen auch Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik (externer Link): Den höchsten Frauenanteil gibt es mit 52,9 Prozent an Universitäten, an Fachhochschulen sind es nur 42,4 Prozent. Männer entscheiden sich häufiger für praxisnahe, technikorientierte Studiengänge, die vor allem an Fachhochschulen angesiedelt sind. Diese unterschiedliche Verteilung auf Studienfächer schlägt sich später in ungleichen Berufs- und Einkommenschancen nieder.
Immer noch weniger Studentinnen in MINT-Fächern
Insgesamt haben Frauen zwar bei MINT-Fächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik aufgeholt: Die absolute Zahl der Studienanfängerinnen in diesen Fächern hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Trotzdem sind sie in vielen Bereichen noch in der Minderheit: Im Wintersemester 2024/25 lag der Frauenanteil in MINT-Fächern im ersten Hochschulsemester an bayerischen Hochschulen nur bei 35,2 Prozent.
Auch hier gibt es große Unterschiede je nach Fach: Pharmazie, Biologie und Architektur studieren mehr Frauen als Männer. Im Fach Chemie sind die Einschreibungen paritätisch. Nach wie vor männerdominiert sind Ingenieurwissenschaften wie Maschinenbau oder Elektrotechnik und Informatik, so das Statistische Bundesamt (externer Link). Gerade in diesem Bereich sind die Gehälter jedoch besonders hoch: Das trägt unter anderem dazu bei, dass Männer im Schnitt mehr verdienen als Frauen.
Warum Gleichberechtigung in beide Richtungen gehen muss
Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (externer Link) zeigt, dass gezielte Information über Kosten eines Studiums und zukünftige Gehaltsaussichten dazu führt, dass junge Frauen sich seltener für geringer bezahlte Studienfächer entscheiden. Sie wechseln dadurch aber nicht automatisch in männerdominierte Fächer. Die Soziologin Pia Schober betont, dass auch geschlechtsbezogene Normen eine Rolle spielen: Diese prägten Interessen und beeinflussten, welche Fächer junge Menschen überhaupt als passend und machbar für sich wahrnehmen.
Zudem gewichten Frauen Einkommen im Schnitt weniger stark als Männer. Faktoren wie Interessen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Rollenbilder spielen Schober zufolge eine größere Rolle. Um wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen, müsse man allerdings auch in die andere Richtung denken: „Wie können denn auch Männer dafür interessiert werden, in eher frauendominierte Berufe zu gehen: in Pflege oder Kindergärten. Das sind Berufe, in denen wir extremen Fachkräftemangel haben.“
Gleiche Abschlüsse, ungleiche Erwerbsverläufe
Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verstärkt sich also oft erst nach dem Studium im weiteren Lebensverlauf. So steigen Pia Schober zufolge viele Frauen mit hoher Qualifikation in den Beruf ein, entscheiden sich aber mit zunehmender Spezialisierung und beim Aufstieg auf der Karriereleiter immer häufiger dagegen, diese Laufbahn weiterzuverfolgen.
„Viele Frauen, vor allem in Westdeutschland, arbeiten immer noch Teilzeit, sobald sie Kinder bekommen haben und verwenden deswegen deutlich weniger Lebensenergie auf ihre Erwerbstätigkeit und auf ihre Karriere“, sagt Schober. Dabei wäre Vollzeiterwerbstätigkeit oder vollzeitnahe Teilzeit entscheidend dafür, für die Rente ausreichend vorzusorgen. Eine zentrale Stellschraube sieht sie darin, Care-Arbeit und Kinderbetreuung bei beiden Elternteilen gleich aufzuteilen und danach möglichst bald wieder in den Beruf zurückzukehren.

