Pianist Lukas Sternath in München
„Schubert fühlt sich nach Heimat an“
„Schubert fühlt sich nach Heimat an“
Lukas Sternath gehört zu den gefragtesten Pianisten seiner Generation. Im Interview mit BR Klassik spricht der 25-Jährige über Schuberts Musik als Ort der Geborgenheit, über die Kraft der Melancholie und darüber, warum lange Werke gerade in einer beschleunigten Welt ihre Bedeutung behalten. Am 14. Oktober spielt er im Münchner Prinzregententheater ein Solokonzert.
Bildquelle: Peter Rigaud
BR Klassik: 2022 haben Sie den ARD-Musikwettbewerb gewonnen. Seitdem folgten viele Debüts, etwa bei den BBC Proms oder mit den Wiener Philharmonikern. Haben Sie eine Liste mit Karrierezielen, die Sie nach und nach abhaken?
Lukas Sternath: Nein, so eine Liste gibt es bei mir nicht. Das sind alles wunderbare Orte und ich freue mich sehr, dort zu sein. Ich nehme mir nicht konkrete Ziele vor und sage: Da muss ich unbedingt hin. Das würde ich eher bei Werken sagen. Ich habe mehrere Listen mit Wunschwerken, die ich gerne angehen würde. Aber das Klavierrepertoire ist enorm, die Liste ist viel zu lang und man muss sich entscheiden. In nächster Zeit ist auf jeden Fall sehr viel Beethoven geplant, ich werde im nächsten Jahr alle Klavierkonzerte spielen. Mit den „Diabelli-Variationen“ beschäftige mich auch intensiv – und mit dem Spätwerk von Franz Schubert.
Das Erarbeiten neuer Werke als langer Prozess
BR Klassik: Wenn Sie sich auf große Projekte wie Beethovens Klavierkonzerte vorbereiten und gleichzeitig viele Konzerte spielen: Wie teilen Sie Ihre Arbeit auf?

Lukas Sternath beim Finale des ARD Musikwettbewerbs, den er 2022 im Fach Klavier für sich entscheidet. | Bildquelle: Daniel Delang
Lukas Sternath: Das ist immer ein Balanceakt. Ein Patentrezept habe ich dafür noch nicht gefunden. Ich glaube, das ist ein ständiges Austarieren. Ich bin noch jung, voller Energie, und diese Energie möchte ich auch nutzen. Deshalb mache ich recht viel. Natürlich braucht Gutes seine Zeit. Im Idealfall lernt man solche Werke, legt sie dann wieder weg und kommt später zu ihnen zurück. Das ist ein Prozess. Dafür möchte ich mir auch die nötige Zeit nehmen. Und gleichzeitig möchte ich eben Konzerte spielen. Das ist mit vielen Reisen verbunden.
Für mich hat Melancholie auch etwas Leichtes und Süßes.
Pianist Lukas Sternath
BR Klassik: Jetzt geht es nach München. Sie spielen am 14. Oktober im Münchner Prinzregententheater einen Soloabend mit Schubert und Liszt. Wenn Sie kurz vor einem Auftritt hinter der Bühne stehen: Was fühlen Sie in diesem Moment?
Lukas Sternath: Was ich in München spezifisch fühlen werde, weiß ich noch nicht. Das ist ja gerade das Schöne daran: Es ist immer anders. Das hängt von so vielen Dingen ab, zum Beispiel wie man geschlafen und was man gegessen hat, oder was auf dem Programm steht. Die eigene Stimmung kann man nicht immer kontrollieren. Manchmal hat man einen fürchterlichen Tag und spielt dann auf der Bühne das Konzert seines Lebens. Und manchmal fühlt man sich großartig und trotzdem läuft es nicht so, wie man es gerne hätte. Man kann das nicht vorhersagen. Genau das finde ich so schön, wirklich im Moment zu sein. Darum geht es.
Konzertvideo vom ARD-Musikwettbewerb 2022
Bildquelle: Daniel Delang
Melancholie in der Musik von Franz Schubert
BR Klassik: Schubert scheint dabei eine besondere Rolle zu spielen. Was bedeutet seine Musik für Sie?
Lukas Sternath: Bei ihm ist es eigentlich ziemlich egal, was vorher bei mir los war. Für mich fühlt sich seine Musik immer nach Heimkommen an. Nach Geborgenheit. Sei es, um Ärger zu verarbeiten, sei es, um ein schönes Gefühl noch intensiver zu erleben oder um Trost zu spenden. Es kann alles sein. Schubert fühlt sich nach Heimat an.
BR Klassik: Sie wirken sehr energiegeladen und lebensfroh. Bei Schubert sprechen Sie jetzt von Heimat und Heimkommen. Steckt in Ihnen ein Melancholiker?

Am 14. Oktober 2026 spielt Lukas Sternath im Münchner Prinzregententheater einen Solo-Klavierabend. | Bildquelle: Peter Rigaud
Lukas Sternath: Definitiv. Deswegen ist mir diese Musik wahrscheinlich auch so nahe. Für mich hat Melancholie aber auch etwas Leichtes und Süßes. Nichts Niederschmetterndes. In der Wanderer-Thematik, mit der sich Schubert beschäftigt hat, ist die Melancholie sehr präsent: dieses Zuhause-Suchen, immer auf dem Weg sein und gleichzeitig genau darin eine Art Heimat finden. Das sind Ebenen, die für mich in der Melancholie eine große Rolle spielen. Dazu kommt die große Thematik der Endlichkeit. Für mich wird Melancholie besonders spürbar, wenn man einen unglaublich schönen und berührenden Moment erlebt und gleichzeitig im Hinterkopf weiß, dass er vergänglich ist. Dort entfaltet sie für mich ihre stärkste Wirkung. Aber genau dadurch macht sie das Leben auch bedeutsam.
Für mich sind lange Werke etwas sehr Wertvolles.
Pianist Lukas Sternath
Lukas Sternath: Lange Werke als Einladung zur Klangentfaltung
BR Klassik: Auf Ihrem Programm stehen sehr lange Werke: Schuberts Klaviersonate Nr. 18 dauert über eine halbe Stunde, der zweite Teil aus Franz Liszts „Années de Pèlerinage“ rund 50 Minuten. Viele Menschen sprechen heute von einer sinkenden Aufmerksamkeitsspanne. Spüren Sie das im Publikum?
Lukas Sternath: Für mich sind lange Werke etwas sehr Wertvolles. Ich mag das Gefühl, dass sie einem Zeit schenken. Es ist eine Einladung, das Handy beiseitezulegen und sich auf die Musik einzulassen, vielleicht sogar die Augen zu schließen und die Klänge wirken zu lassen. Das ist ein schönes Kontrastprogramm zu dieser Schnelllebigkeit, zu dem ständigen Wunsch, alles noch effizienter und kompakter zu machen. Ich finde, man sollte sich zumindest manchmal aktiv dagegen wehren. Und ein klassischer Klavierabend kann genau diese Möglichkeit bieten, andere Erfahrungen zu machen. Das ist jedenfalls meine Einladung.
Lukas Sternath live im Münchner Prinzregententheater
Am Mittwoch, den 14. Oktober 2026, spielt Lukas Sternath um 20 Uhr im Münchner Prinzregententheater. Alle Informationen zum Klavierabend finden Sie hier.
Das Interview führte Kathrin Hasselbeck.
Sendung: „Allegro“ am 13. Oktober 2026 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

