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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Fest für die Pest“: Putins Propaganda-Sänger empört Russen
Kultur

„Fest für die Pest“: Putins Propaganda-Sänger empört Russen

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 23. August 2024 12:50
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Seit kurzem darf sich Jaroslaw Jurjewitsch Dronow, Künstlername „Schamane“, über einen Eintrag ins russische Buch der Rekorde freuen, weil er es bei einem Auftritt auf dem Roten Platz in Moskau schaffte, einen Ton über 29 Sekunden zu halten. Mit dem Gig im Herzen der russischen Hauptstadt hatte Dronow seine neue Propaganda-Tour begonnen, die dem „Sieg“ gewidmet sein soll. Der Sänger zählt zu den prominentesten Künstlern, die der Kreml zur Förderung des „Patriotismus“ einsetzt – und zu den bestbezahlten, was jetzt eine Welle der Empörung auslöste.

Inhaltsübersicht
„Verstehe nicht, wofür wir Geld haben“„Ohne Geld werden die Masken fallen“„Mit Maschinengewehr im Anschlag“

„Verstehe nicht, wofür wir Geld haben“

Die kommunistische Parlamentsabgeordnete Nina Ostanina postete auf ihrem Telegram-Kanal (113.000 Fans), dass dem „Schamanen“ für seinen kommenden Auftritt zum 281. Stadtgründungsfest im südrussischen Orenburg nach amtlichen Unterlagen bereits 16 Millionen Rubel überwiesen wurden, umgerechnet etwa 160.000 Euro: „Obwohl sich die Region nicht von den Folgen der verheerenden Überschwemmung erholt hat, noch nicht alle betroffenen Bewohner eine Entschädigung für verlorene Wohnungen und Eigentum erhalten haben und die zerstörte Infrastruktur noch nicht wiederhergestellt ist.“

Damit traf Ostanina offenbar einen Nerv in weiten Teilen der russischen Bevölkerung, sogar die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und will die Hintergründe für das Rekord-Honorar untersuchen. Die Behörden schlossen eine Absage des Konzerts mit dem Argument aus, die vereinbarte Gage werde trotzdem fällig. Wie sich herausstellte, hatten die Stadtväter von Orenburg die Jubiläumsfeier extra verschoben, damit sie in den Terminplan des Stars passt. Auch in Stawropol, wo Dronow „mehr als 15 Millionen Rubel“ einstreichen soll, zeigten sich Bürger fassungslos: „Ich verstehe einfach nicht, wofür wir alles Geld haben, obwohl es für die Asphaltierung fehlt.“

„Ohne Geld werden die Masken fallen“

Befeuert von der neuesten Empörungswelle, löste der von Putin im Juli als „Verdienter Volkskünstler“ ausgezeichnete Dronow bei Netzkommentatoren Hohn und Spott aus: „Er ist ein Idiot, der sich auf etwas eingelassen hat, ohne zu verstehen, dass er später zum Blitzableiter werden wird.“ Andere warfen den spendierfreudigen regionalen Funktionären vor, ein teures „Fest für die Pest“ zu finanzieren oder wollten Dronow gleich nach Kursk oder an die Front schicken: „Das sind bezahlte Patrioten. Ohne Geld werden sie sofort ihre Masken fallen lassen.“

Angekreidet wird Dronow auch, dass er sich zeitweise im Ausland aufhielt, weshalb ihm seine Kritiker vorwerfen, er sei ein Drückeberger und Heuchler, der wohl insgeheim „Sicherheitsgarantien“ erhalten habe. Eher belustigt reagierten Berichterstatter, als Dronow am 19. Juli vor der US-Botschaft in Moskau gegen eine Sperrung seiner Songs auf YouTube „demonstrierte“: „Mitten im Lied holt er eine Flasche Champagner heraus.“

„Mit Maschinengewehr im Anschlag“

Für den Kolumnisten des liberalen russischen Wirtschaftsblatts „Kommersant“, Dmitri Drise, verkörpert Dronow den „Kern der aktuellen russischen Ideologie“. Mit seinem Lied „Ich bin Russe“ trotze der Sänger demonstrativ allen „Feinden“ des Landes. Zur Belebung des Patriotismus sei das allerdings „eindeutig nicht genug“. Skepsis gibt es auch gegenüber dem Bemühen des Kremls, die russische Jugend zu „schamanisieren“, also Systemtreue einzufordern.

„Das würde nur funktionieren, wenn der Sänger persönlich mit einem Maschinengewehr im Anschlag aus dem Schützengraben heraus trällern und die faschistischen Hochburgen erstürmen würde, dabei die Kämpfer mit einem Lied auf den Lippen anführend“, so ein Beobachter ironisch. Zwar werde Dronow dabei „höchstwahrscheinlich fallen“, aber unsterblich: „Che [Guevara] ist auch gestorben, aber sein Bild immer noch allgegenwärtig.“

Andere Kolumnisten bedauerten, dass Russland „keine eigene Taylor Swift“ habe, die über zwanzig Jahre ihre Fans konstant bei Laune halte: „Was ist der Staat bereit, den jungen Leuten als Gegenleistung für ihre Unterstützung anzubieten? Eine große Familie? RuTube statt YouTube? Tolle Alternative, zweifellos. Mittlerweile gibt es nur noch Verbote. Damit kann man vielleicht einschüchtern, aber keine Loyalität einfordern.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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