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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Gedanken sind frei(zügig): „Kehrseite der Medaille“ in München
Kultur

Gedanken sind frei(zügig): „Kehrseite der Medaille“ in München

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 29. Mai 2024 09:05
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Wer weiß, womöglich arbeitet US-Milliardär und Technik-Guru Elon Musk längst schon daran, Gedanken hörbar zu machen. Sein Unternehmen Neuralink verpflanzt ja bereits Computerchips ins Gehirn. Lange wird´s also nicht mehr dauern, bis „innere Monologe“ weltweit abrufbar sind. Bis dahin können sich Interessierte in der Komödie im Bayerischen Hof in München darauf vorbereiten, in der Selbstgespräche-Satire „Die Kehrseite der Medaille“ (im französischen Original „L’Envers du décor“). Autor Florian Zeller lässt seine Figuren darin ständig offenbaren, was sie gerade im Innersten umtreibt. Die Handlung wird dann jeweils kürzer oder länger „eingefroren“, die Mitwirkenden werden zu stummen Skulpturen ihrer selbst. Mal müssen sie mit offenem Mund ausharren, mal mit anstrengenden Gesten auf dem Sofa als Standbild „durchhalten“, bis sie wieder „dran“ sind.

Inhaltsübersicht
Abschreiten der Klischee-GrenzenMidlife-Crisis in der Penthouse-Wohnung

Abschreiten der Klischee-Grenzen

Die Komik entsteht in diesem Fall also nicht durch die Geschichte, die es eigentlich gar nicht gibt, sondern durch die ständige Dissonanz zwischen dem, was die Mitwirkenden sagen und dem, was sie denken. Dabei ist die Konstellation so einfach wie konfliktreich: Älteres Ehepaar lädt einen guten Freund ein, der seine Frau Laurence für eine deutlich jüngere Geliebte verlassen hat. Wie sich herausstellt, kommt Florian Zeller dabei über Klischees nicht hinaus. Daniel (Timothy Leach) und Patrick (Martin Armbrecht) balzen um die Gunst der attraktiven Emma (Mia Geese), Ehefrau Isabelle (Nicola Tiggeler), die mit der schmählich Verlassenen eng befreundet ist, schaut dem Treiben frustriert zu und bedient sich derweil reichlich an der Hausbar.

Regisseur Pascal Breuer inszeniert das durchaus tempo- und einfallsreich, kann aber nicht ganz vergessen machen, dass dem Stück die dramatische Spannung fehlt. Allein aus dem „Beiseite“-Sprechen, das ja von vielen Klassikern von Shakespeare bis Schiller bekannt ist, einen zweistündigen Spaß zu machen, erweist sich als schwierige Übung. Bei der Uraufführung im Januar 2016 in Paris spielte kein Geringerer als Daniel Auteuil in seiner eigenen Regie die Hauptrolle, wofür er viel Beifall bekam, wenngleich die Kritiker schon damals der Ansicht waren, dass „Die Kehrseite der Medaille“ allzu banal ist und die „Klischee-Grenzen“ des Boulevards abschreitet.

Florian Zeller habe sein Stück wohl in höchster Eile aufs Papier gebracht, hieß es. Im Übrigen leide die Spontaneität der Dialoge, weil sie permanent von den inneren Geständnissen unterbrochen würden. Dieser Konstruktionsfehler bestätigt sich auch bei dieser deutschsprachigen Tourneeproduktion.

Midlife-Crisis in der Penthouse-Wohnung

Ob es lustig ist, wenn sich der aufgereizte Daniel im tiefsten oder besser gesagt „untersten“ Inneren immer wieder fragt, welche Farbe wohl das Schamhaar der jugendlichen Emma haben mag („venezianisches Blond“), muss jeder für sich selbst entscheiden. Schale „Feministen“-Witze werden mittlerweile selbst von Theater-Traditionalisten nicht mehr belacht, und die ältere Isabelle als Wiedergängerin von Elisabeth Flickenschildt (1905 – 1977) zu beschimpfen, zündet ebenfalls nicht so recht. Natürlich hat Patrick, der sich nach außen mit seiner hübschen Emma brüstet, allerlei Wehwehchen und träumt ganz für sich allein weniger von ausgelassenen Sexspielen als von einem ruhigen Abend auf der Couch.

Auch dies reichlich stereotyp, wie übrigens auch die Berufe der Ehepaare: Der eine ist Lektor im Verlag, die andere arbeitet an der Universität, Emma will Schauspielerin werden und jobbt in einer Bar. Ganz Paris scheint demnach nur von Akademikern besiedelt zu sein, die reichlich Zeit haben, ihre Midlife-Crisis in Penthouse-Wohnungen zu bewältigen.

Insgesamt ein Schwank, der allzu sehr auf der Stelle tritt und die Erkenntnis, dass unsere Gedanken womöglich nicht viel spannender sind als unsere Gespräche. Aber das lässt sich erst genauer überprüfen, wenn Elon Musk noch ein bisschen unter der Schädeldecke herum geforscht hat.

Bis 30. Juni in der Komödie im Bayerischen Hof in München

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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