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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Netzwelt > Soziale Medien: Wie der IS Jugendliche radikalisiert
Netzwelt

Soziale Medien: Wie der IS Jugendliche radikalisiert

Benjamin Lehmann
Zuletzt aktualisert 4. Februar 2025 13:51
Von Benjamin Lehmann
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5 min. Lesezeit
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Der sogenannte Islamische Staat (IS) nutzt gezielt Propaganda, um Anhänger für seine Anschläge zu rekrutieren. Über soziale Medien und einschlägige Foren werden Jugendliche angesprochen, die für die Ideologie des Terrornetzwerks empfänglich sind.

Inhaltsübersicht
Rekrutierung auch in BayernJugendliche als Zielgruppe der IS-PropagandaDeradikalisierung gegen RadikalisierungISPK als treibende Kraft der Rekrutierung

Rekrutierung auch in Bayern

Dass diese Rekrutierung auch Bayern erreicht, zeigt ein aktuelles, noch nicht rechtskräftiges Urteil: Ein Jugendlicher aus dem Freistaat hatte nach Erkenntnissen des Bayerischen Verfassungsschutzes einen Anschlag auf Polizisten geplant. Deshalb wurde er nun zu einer zweijährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt – unter anderem wegen „Anleitung zur Begehung einer staatsgefährdenden Gewalttat“, wie die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München auf BR24-Anfrage bestätigt.

Nach Erkenntnissen des Bayerischen Verfassungsschutzes hatte sich der 16-Jährige eine Bauanleitung für eine mit einem 3D-Drucker herstellbare Maschinenpistole besorgt. Er habe sich innerhalb einer Chatgruppe von IS-Sympathisanten im Messengerdienst Telegram radikalisiert.

Sowohl die Generalstaatsanwaltschaft München als auch der Angeklagte haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Nun liegt die Entscheidung beim Landgericht Nürnberg-Fürth.

Jugendliche als Zielgruppe der IS-Propaganda

Europäische Sicherheitsbehörden verzeichnen eine zunehmende Anzahl radikalisierter Jugendlicher. Nach Erkenntnissen des Sicherheitsexperten Peter Neumann waren zuletzt zwei Drittel der in Europa festgenommenen Terrorverdächtigen unter 19 Jahre alt, wie er im September in einem BR24-Interview sagte. Doch was sind die Gründe? Der IS verbreitet seine Inhalte über verschiedene Kanäle, darunter auch Plattformen wie TikTok, wo viele Jugendliche aktiv sind. Dabei setzt die Terrororganisation auf gezielte, emotionale Ansprache und professionell gestaltete Inhalte. Auch Videos zum Bombenbau finden sich in sozialen Netzwerken.

Jüngst verbreitete der afghanische IS-Ableger „Islamischer Staat Provinz Khorasan“ (ISPK) über soziale Medien eine Drohung gegen das Münchner Oktoberfest sowie das Cannes Film Festival und den St. Patrick’s Day. Die Münchner Polizei nahm die Drohung ernst, fand jedoch keine konkreten Hinweise auf eine unmittelbare Gefahr.

Einer, der diese Propaganda analysiert, ist Hans-Jakob Schindler, Seniordirektor der internationalen gemeinnützigen Organisation „Counter Extremism Project“. Der IS plane langfristig, in dem er zum Beispiel mit einem Anschlag auf das Oktoberfest drohe, sagt Schindler. Damit wollten die Terroristen Ängste schüren und Stärke zeigen, um Anhänger zu gewinnen. Der IS hoffe auf vielfache Verbreitung durch unterschiedliche Medien.

Der IS agiere sehr professionell, was die Verbreitung der Propaganda angehe, so Schindler. Genutzt werde die ganze Bandbreite bei Jugendlichen beliebter sozialer Netzwerke – neben „TikTok“ auch „Telegram“ oder die Kommunikationsplattform „Rocket.Chat“.

Deradikalisierung gegen Radikalisierung

Die auch in Bayern aktive Nichtregierungsorganisation „Violence Prevention Network“ versucht Jugendliche für die manipulativen Techniken des IS zu sensibilisieren. Geschäftsführer Thomas Mücke berichtet, dass Eltern früher die Radikalisierung ihrer Kinder bemerkten, wenn diese sich sozial isolierten. Heute seien viele Jugendliche im Netz radikalisiert, während sie im Alltag unauffällig blieben. Ziel der Deradikalisierungsarbeit sei es, den Klienten dabei zu helfen, eine kritische Distanz zur Propaganda aufzubauen, so Mücke.

Die Herausforderungen für Aussteigerprogramme sind vielschichtig. „Es gibt Fälle, wo auch von radikalisierten Eltern bereits Grundlagen gelegt werden“, erklärt Terrorexperte Schindler. Dieses Vorgehen passt in das Programm des IS. So ist schon länger bekannt, dass der IS über einen eigenen Verlag Kinder-Apps entwickelt hat. Diese dienen nicht nur der Vermittlung von Buchstaben, sondern auch der frühzeitigen Indoktrinierung: Neben sprachlichen Grundlagen erhalten die Kinder gleichzeitig militärisches Grundwissen.

ISPK als treibende Kraft der Rekrutierung

Viel Propaganda kommt vom afghanischen Ableger des IS, dem ISPK. Um den ISPK herum ist europaweit eine eigene IS-Szene entstanden – mit eigenen Predigern in sozialen Netzwerken. Prominentes Beispiel ist nach BR-Recherchen der tadschikisch- und russischsprachige Prediger Al-Madani.

Auch einem Islamismus-Aussteiger aus dem deutschsprachigen Raum ist dieser Prediger bekannt. Der BR trifft ihn zum Interview, seinen Namen will er nicht nennen. Das Risiko für ihn sei zu groß, sagt er. Als Sozialarbeiter betreut er auch Jugendliche mit Wurzeln in Zentralasien und Nordkaukasien. Der Aussteiger ist für Sicherheitsbehörden und Aussteigerprogramme ein Zugang in eine sonst abgekapselte Community.

Immer wieder spürt er den starken Einfluss von Influencern wie Al-Madani, die IS-Terroristen verharmlosten und diese in ihren Vorträgen zu Freiheitskämpfern erklärten. Keine Rede sei zum Beispiel davon, dass der IS in der Vergangenheit in Syrien wütete. Die Haltung färbe auf manche Jugendlichen ab, die er betreue, sagt der Sozialarbeiter. Sie machten ihm Vorwürfe und behaupteten, dass er inzwischen mit dem Staat zusammenarbeite.

Mit Informationen von dpa.

 

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Benjamin Lehmann schreibt für das Ressort Netzwelt der WirtschaftsRundschau. Mit seinem Fachwissen in digitalen Technologien und Internetkultur informiert er über aktuelle Trends und Innovationen und bietet den Lesern wertvolle Einblicke in die digitale Welt.
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