Die Texte von Anne Carson kann man als lebenslangen und intensiven Dialog mit der westlichen Literaturgeschichte charakterisieren. Die antike Dichtung ist ein unerschöpflicher Bezugspunkt für die kanadische Schriftstellerin. Unter anderem die überlieferten Gedichte von Sappho, der ersten bekannten Dichterin in Europa, sind immer wieder Gegenstand für essayistische und ebenso poetische Ergründungen, beginnend mit Carsons Debüt, dem Essay „Eros the Bittersweet“ (1986).
Zwischen Antike und Moderne
Neben dem steten Bezug auf antike Autorinnen und Autoren pflegt Carson auch die Zwiesprache mit wichtigen literarischen Stimmen der Moderne. Dazu gehören etwa die Brontë-Schwestern, Virginia Woolf oder die US-Amerikanerin Emily Dickinson, deren Gedichte zu ihren Lebzeiten nie veröffentlicht wurden. Anne Carson folgt ihnen in ihren Texten, befragt sie und lässt sich inspirieren zur eigener, stets auch philosophisch grundierter Literatur.
Dabei vermischt nicht nur kühn die Zeitschichten, sondern immer wieder auch die Genres. Lyrik, Prosa, Essay, aber auch Opern-Libretti oder Manuskripte für Fernseh-Sendungen dienen als Orientierung für die eigene, experimentelle Literatur. Bücher wie „Plainwater“ (1995) oder „Glass, Irony and God“ (2000) zeigen das exemplarisch. Beide wurden auch ins Deutsche übertragen, „Plainwater“ – unter dem Titel „Irdischer Dunst“ – erst vor einigen Jahren, von Marie Luise Knott.
Die Liebe zu Herakles
Ein Hauptwerk von Anne Carson, 1950 in Toronto geboren, sind der Band „An Autobiography of Red: A Novel in Verse“ (1998) und seine Fortschreibung „Red Doc“ (2013). Auf Deutsch sind sie erschienen als „Rot. Ein Roman in Versen““(2001, Karen Lauer) und dann unter ähnlichem Titel „Rot. Zwei Romane in Versen“ als Doppelband (2019, Anja Utler), und das in verschiedenen Verlagen.
Ausgehend von einer Erzählung der antiken Mythologie – über die Tötung des dreileibigen Ungeheuers und Rinderhirten Geryon durch Herakles – erzählt Carson die Geschichte eines Jugendlichen mit gleichem Namen aus unserer Gegenwart. Geryon hat rote Haut und Flügel. Er ist einsam und wird in der Schule gemobbt, begegnet dem griechischen Helden (der in einem Bus unterwegs ist) und verliebt sich in ihn. Er muss aber erfahren: Diese Liebe hat keine Chance. Geryon ist zum Alleinsein verdammt.
Als weiteres zentrales Werk Carsons gilt unter Kritikerinnen und Kritikern der als Elegie bezeichnete Textkomplex „Nox“, 2010 erschienen und bislang nicht auf Deutsch übersetzt. Es ist ein vielschichtig komponiertes Buch über Carsons älteren Bruder Michael, der 2000 starb und zu dem sie schon etliche Jahre zuvor keinen Kontakt mehr hatte. Eine persönliche Ergründung, Reflexion und auch Totenklage, wieder in der Auseinandersetzung mit der antiken Literatur.
Für ihre Fans ein „Guru“
Eine Übersetzung von „Nox“ ins Deutsche dürfte durch den Literaturnobelpreis vermutlich begünstigt werden. Die Rezeptionsgeschichte der Werke Anne Carsons hierzulande zeigt: es gab bislang keinen Verlag, der ihr Raum für das ganze Werk geben wollte. Seit einigen Jahren werden einzelne Bücher bei Matthes & Seitz verlegt. Aber: Anne Carson hat in Deutschland eher den Status eines Geheimtipps.
Anders in der englischsprachigen Welt, wo die kanadische Autorin zum Beispiel als „Poesie-Guru“ gefeiert wird und zahlreiche Ehrungen erhielt. Nun kommt der Literaturnobelpreis dazu, eine verdiente Auszeichnung für ein in der Tat so besonderes wie eigensinniges literarisches Werk.
Carson wurde schon im Vorfeld als mögliche Kandidatin für den wichtigsten Literaturpreis der Welt gehandelt. Als Akademie-Sekretärin Ingrid Carlberg die Entscheidung verkündete, sagte sie, sie habe Anne Carson telefonisch in Island erreicht. Und diese habe dort dem Wind zugehört. Ein Bild, das eigentlich auch etwas über ihre Literatur erzählen kann.

