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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Buchpreis-Siegerin Shida Bazyar: Darum geht es in „Die Lücken“
Kultur

Buchpreis-Siegerin Shida Bazyar: Darum geht es in „Die Lücken“

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 5. Oktober 2026 20:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Was wäre, wenn Wände ihre Nazi-Vergangenheit preisgeben könnten, Möbel die Geschichten ihrer jüdischen Vorbesitzer erzählen oder Böden aufzeigen würden, welche Spuren der Gewalt auf ihnen längst wieder verwischt wurden?

Inhaltsübersicht
Ein fiktiver Ort mit realen MenschenGeschichten aus einem Jahrhundert, die miteinander verwoben sindÖffentliche Erinnerungskultur versus familiäres SchweigenAnti-Heimatroman mit spannender Erzählfigur

„Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert?“, heißt es im Prolog von Shida Bazyars „Die Lücken“ fast schon resigniert. Doch der Roman lässt sich nicht davon abbringen, tief in die Ortsgeschichte zu graben, nach Täterschaft von Familienmitgliedern und nach jüdischem Leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu fragen. Dafür geht es nach Heimesbach.

Ein fiktiver Ort mit realen Menschen

Es ist ein Ort, der nah ans echte Hermeskeil im Hunsrück angelehnt ist, inklusive Nazi-Vergangenheit. Shida Bazyar ist in dem Ort aufgewachsen und hat ihn für ihren neuen Roman bewusst fiktionalisiert. „Wenn ich jetzt sage, ich schreibe über Hermeskeil, dann müsste ich mich gewissen anderen historischen Sachen auch verpflichten“, sagt die Autorin. Stattdessen sei ihr Weg transparent zu machen, was die Inspiration dieses Ortes ist. Bei dem, was ihr von ehemaligen jüdischen Anwohnern in Hermeskeil bekannt war, habe sie die biografischen Eckpunkte aber direkt übernommen und nichts daran geändert.

Geschichten aus einem Jahrhundert, die miteinander verwoben sind

Die echten Jüdinnen und Juden, zum Beispiel Heinz Kahn, lässt Bazyar also nicht als fiktionalisierte Figuren auftauchen. Um ihre Schicksale herum verstrickt sie die Geschichten der unterschiedlichsten Bewohnerinnen und Bewohner Heimesbachs über einen Handlungszeitraum von knapp einem Jahrhundert. Da sind die Freundinnen Johanna und Lore, die in den 1920er Jahren noch euphorisch tanzen, in der Kneipe, in der Saman fast ein Jahrhundert später Bier trinkt und nicht weiß, dass die eine Freundin die andere verraten und schikaniert hat.

Lores Schwester Anni bewohnt als alte Frau in den Neunzigern das Seniorenheim, in dem Parvaneh Pflegerin ist. Die fährt ihre Tochter Bahar zum Kindergeburtstag zu Petra. Deren Großmutter wiederum arbeitet in den Achtzigern im Modehaus Wagner, das einmal das Kaufhaus eines jüdischen Ehepaars war.

Die verschiedenen Geschichten, die sich kapitelweise in Zeit und Personal abwechseln, beginnen nett und menschelnd. Doch sie offenbaren Stück für Stück ein breiteres Involviert-Sein des Dorfes in die nationalsozialistische Ideologie und die Verbrechen an den Jüdinnen und Juden des Ortes.

Öffentliche Erinnerungskultur versus familiäres Schweigen

Besonders die Gewalt, die im Verschweigen oder im verklärten Erinnern und Beschönigen steckt, wird deutlich. Wenn es zum Beispiel heißt: „Es habe doch gar keine Verfolgung gegeben.“ Shida Bazyar beschäftigt die Diskrepanz zwischen familiärem und öffentlichem Erinnern: „Wir haben eine sehr lebendige Erinnerungskultur, die kann man natürlich aus guten Gründen kritisieren, aber wir können definitiv nicht von einem institutionellen öffentlichen Schweigen sprechen. Und gleichzeitig gibt es dieses ausgeprägte Schweigen in den Familien.“

In „Die Lücken“ geht es jedoch nicht nur um die Täter und deren Nachkommen. Heimesbach wird in den Achtzigern auch Wohnort zweier iranischer Familien, die sich unterschiedlich in den Ort einfügen. Auch ihr Unwissen über die Vergangenheit von Heimesbach spielt in die Dynamik des Schweigens hinein. Wie auch die Tatsache, dass sie selbst Lücken hinterlassen, indem sie so gut wie gar nicht über die eigene Trauer oder Traumata hinsichtlich ihrer Fluchtgeschichten sprechen.

Anti-Heimatroman mit spannender Erzählfigur

Das fragmentarische Gefüge der verschiedenen Zeiten wird im Roman von einer Erzählinstanz zusammengehalten. Es ist der Geist einer Dorfbewohnerin, die nur für kurze Zeit in Heimesbach gelebt hat – lange nach den Nazi-Verbrechen. Und die mit ihrer Familie weggezogen ist, weil ihr Antrag auf Asyl nicht angenommen wurde. Sie kann die Verstrickungen entwirren, aus ihrer Perspektive kommentieren und mahnen, kann dem Fortgang der Zeit aber nicht entgegenwirken. Den Ball spielt sie den Lesenden zu.

Shida Bazyar macht in ihrem bewegenden Anti-Heimatroman „Die Lücken“ deutlich, wie wichtig und dringlich der Blick auf die eigene Vergangenheit ist. Nicht um Geschehenes ungeschehen zu machen, sondern um einer fortlaufenden Gewaltgeschichte im Jetzt entgegenzuwirken.

„Die Lücken“ von Shida Bazyar ist im KiWi Verlag erschienen und wurde am 5. Oktober als „Roman des Jahres“ mit dem Deutschen Buchpreis 2026 gewürdigt.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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