Mode ist schwierig auszustellen – weil eigentlich will man die Kleider sofort anziehen oder zumindest anfassen. Das Anfassen einiger Stoffe zumindest ist möglich in der Ausstellung „Celebrating Fashion“ im Augsburger tim, dem Textil- und Industriemuseum. Ansonsten erlaubt sie einen umfangreichen Einblick in die Geschichte des Münchner Labels Talbot/Runhof – in einer überaus sorgfältig ausgeleuchteten Präsentation, die die Kleider im besten Licht zeigt. Für das Konzept erhält das tim in diesem Jahr den Bayerischen Kunstpreis.
Putin mit Eifelturm auf dem Kopf
Zu sehen gibt es neben überraschend geschneiderten Kleidung auch politische Statements – eher selten in der Modewelt. Etwa Wladimir Putin, der den Eiffelturm wie einen Karnevalshut trägt, als Print auf einem schicken, aufwendig geschneiderten Oberteil. Das Stück stammt aus der Kollektion „From Russia with Love“ von 2015. Unter dem Bild von Putin steht: „Besuchen Sie Paris, bevor er es tut.“
Im Jahr 2014 hatte Russland die Krim annektiert und ein niederländisches Verkehrsflugzeug über der Ukraine abgeschossen. Da konnten und wollten die Modemacher Johnny Talbot und Adrian Runhof nicht wegsehen. Runhof erklärt: „Das Thema hat uns so aufgewühlt, dass wir irgendwann gesagt haben, das ist das Thema, was uns am allermeisten durch den Kopf geht.“
Also nutzten sie 2015 ihre Modenschau in Paris, um ein kritisch-ironisches Statement abzugeben: „Wir müssen diese Plattform nutzen, um unsere Meinung zu sagen. Weil wenn wir nicht unsere Meinung sagen und wenn wir sie nicht jetzt sagen, dann werden wir sie eines Tages vielleicht gar nicht mehr sagen können.“
Große Fragen auf Stoff
Denn bei Mode geht es nicht nur um Stoff, sie wirft ganz grundsätzliche Fragen auf: Wie wollen wir leben? Was wollen wir sein? Ein Kennzeichen der Entwürfe von Talbot und Runhof: ein gewisses Augenzwinkern, neben einer großen Freude an Luxus und Hedonismus. Und all das in tragbare Kleider gepackt.
Filme als Inspirationsquelle
Aber keineswegs sind alle Kollektionen politisch gefärbt. Sehr viele Kleider spielen auf bekannte Filme wie „Die roten Schuhe“, „Down with Love“ oder „Sound of Music“ an. Das Musical um die österreichische Familie Trapp hat das Designer-Duo zu einer Dirndl-Kollektion angeregt. Allerdings spielen sie mit den traditionellen Vorgaben. Der Lodenstoff eines Dirndls ist mit einem irisierenden Unterfaden unterlegt und zum Kleid gibt es einen dezent schillernden Mantel aus Pfauenfedern.
Historisch waren Pfauenfedern ein probates Mittel, um sich von der Menge abzuheben. Mit diesem Schmuck mit geschichtlichem Bezug reagierten die Modeschöpfer auf den Ort, an dem sie ihre Schau zeigten: das Palais Beauharnais. Heute die deutsche Botschaft in Paris – damals ein Geschenk Napoleons an die Preußen. Eigentlich aber sollte seine Frau Josephine es bekommen, erklärt Talbot: „Sie durfte das einrichten. Und sie und ihr Sohn, die haben so viel Geld ausgegeben, dass Napoleon entsetzt war. Er hat es dann dem König von Preußen gegeben.“ Also ein Raum voller Geschichten und üppigem Dekor: „Und wir mussten einfach Opulenz hier in diesen Räumen zeigen. Es musste großes Kino sein.“
„Ein Feuerwerk der Couture“
Ganz großes Kino ist auch die Ausstellung „Celebrating Fashion – Talbot Runhof in Paris“ im Textil- und Industriemuseum in Augsburg. Über 100 Abend- und Cocktail-Kleider, Videos von Modenschauen und sogar ein nachgebauter Raum, in dem sich nachempfinden lässt, wie eine Modenschau abläuft. Schöne Kleider, die tatsächlich etwas zu erzählen haben. Bayerns Kunstminister Markus Blume lobte denn auch die Ausstellung überschwänglich: „Die Ausstellung ist ein Feuerwerk der Couture. [Die Kuratoren] Dr. Michaela Breil und Prof. Dr. Karl Borromäus Murr lassen zwei Jahrzehnte Modegeschichte lebendig werden und zeigen zugleich, wie eng Kreativität, handwerkliches Können und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verbunden sind.“
Die Ausstellung im tim Augsburg läuft noch bis zum 25. Oktober 2027

