Der deutsche Filmemacher, Philosoph und Schriftsteller Alexander Kluge ist tot. Er starb im Alter von 94 Jahren, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte.
Ein Nachruf ist nicht genug
Diesem umtriebigen, ungemein kreativen Mann kann man mit einer einzigen Würdigung eigentlich nicht gerecht werden. Es bräuchte sieben Nachrufe für Alexander Kluge, die seinen sieben Hauptbeschäftigungen gerecht würden – als promovierter Rechtsanwalt, Filmemacher, Schriftsteller, Publizist, Fernsehproduzent, Philosoph und unermüdlicher Netzwerker zwischen allen Welten und Medien, alten und neuen, weit entfernten und den ganz nahen.
„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ heißt der Film, den Alexander Kluge 1974 gemeinsam mit Edgar Reitz ins Kino brachte und dessen Titel das Sein und Schaffen Kluges auf den Punkt bringt. Erzählt wird von einer Beischlafdiebin, einer DDR-Spionin, vom Karneval in Frankfurt und der dortigen Hausbesetzerszene. Die Beischlafdiebin schläft mit Männern, bestiehlt sie anschließend und begründet das so: „Das, was die Männer versprechen, erweist sich nachträglich immer als zu wenig. Für dieses Defizit nehme ich ihre Brieftaschen an mich.“ Typisch Kluge.
Multitalent Kluge? Vielleicht besser: Universalgelehrter
Alexander Kluge war ein Multitalent. Ein Wort, das zutrifft und auch wieder nicht. Denn der 1932 in Halberstadt in Sachsen-Anhalt geborene Sohn einer Arztfamilie schrieb nicht nur Bücher und machte Film – er durchdrang das Leben und die Welt auf seine unnachahmliche Art und Weise, die Vergangenheit und die Zukunft.
Er konnte etwa aus dem Stand über den deutschen Dichter Friedrich von Logau sprechen, von dem sonst noch kaum jemand gehört hatte – einem Mann, der im 17. Jahrhundert in ein barockes Universum der Unordnung hineingeboren worden war, ein Bruder im Geiste, der – wie Kluge selbst – eben nicht als Multitalent, sondern als Moralist und Kritiker über gesellschaftliche Spannungen und widersprüchliche Interessen nachdachte, und der wusste: Im Lachen liegt die Freiheit, nach der wir uns sehnen. Und – so muss man ergänzen – in der Toleranz. Im Versuch, etwas zu verstehen.
Welchen Kunstpreis gewann er nicht?
Bereits in jungen Jahren gewann Alexander Kluge wichtige Preise: 1966 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur und zwei Jahre später den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig für „Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos“. Lang ist die Liste der Auszeichnungen, die seitdem hinzukamen – vom Kleist- über den Lessing- bis zum Georg-Büchner-Preis; und 2024 folgte dann noch die Aufnahme in den Orden Pour le Mérite.
Schaffensfroh und immer beschwingt assoziativ durchpflügte Kluge die deutsche und die europäische Kulturlandschaft, machte irgendwann keine Filme mehr, sondern stieg 1987 mit der Gründung der Produktionsgesellschaft dctp ins deutsche Privatfernsehen ein. Kluge machte dort das, was sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk kaum mehr traute – wildes, unangepasstes, anarchisches Programm.
Seine Spielwiese: Das frühe Privatfernsehen
Spät nachts auf RTL und SAT1 liefen diese Sendungen, denn laut Mediengesetz mussten im weiten Ozean der seichten Unterhaltung auch ein paar Kulturinseln schwimmen – und Alexander Kluge hatte sie hellsichtig und energisch besetzt, als ein leidenschaftlich intellektueller Robinson Crusoe mit auch einem feinen Sinn für Blödelei.
Vom Postdadaisten Helge Schneider bis zum Lyriker Durs Grünbein waren alle dabei, die etwas oder auch nichts zu sagen hatten. Und auch dort agierte Kluge nach dem Motto: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“.

