Im Vorfeld seines 30-jährigen Bischofsjubiläums am 21. September zeigt sich der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx alles andere als amtsmüde. Im Gegenteil: Im Rahmen der Tagung „Der synodale Bischof“ diskutiert er mit Experten aus Kirche und Wissenschaft in der Katholischen Akademie über den Bischof der Zukunft. Dass die Kirche und ihre Bischöfe auch in Zukunft der Gesellschaft noch etwas zu geben haben, daran bestehen für Marx keine Zweifel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ist ein Grundsatz der Demokratie“.
Bischof bleibt zentrale kirchliche Leitungsfigur
Unter vielen Christen ist es inzwischen aber auch zur Überzeugung geworden, dass es nicht reicht, wenn Demokratie christlich ist. Kirche soll andersherum auch demokratischer werden. Dem tragen der 2019 in Deutschland begonnene Reformprozess „Synodaler Weg“ und sein 2021 von Papst Franziskus gestartetes Pendant für die Weltkirche Rechnung. „Synodal“ bedeutet „gemeinsam“ – die Kirche will in Zukunft mehr auf die Zusammenarbeit von Klerikern und Laien bauen. Für Marx stellt sich daraus abgeleitet aber die Frage, was das für das Bischofsamt der Zukunft bedeutet, denn: „Der Bischof ist für die katholische Kirche die zentrale Figur der Organisation und der Leitung“.
Die Bereitschaft, Rechenschaft abzulegen, gehört für Marx deshalb zum Verständnis des künftigen Bischofsamtes: „Dass wir uns Ziele vornehmen, die man nach zwei, drei Jahren auch mal mit gewählten Vertretern der Gläubigen zusammen kontrollieren kann“. Sowohl der deutsche als auch der weltkirchliche synodale Prozess hatten solche Rechenschaftsberichte als mögliches künftiges Werkzeug in Betracht gezogen.
Experten fordern „qualifizierte Beteiligung“ an Bischofswahlen
Um Reformen voranzubringen, seien neben den Bischöfen auch die Gläubigen gefragt. Für die Weitergabe des Glaubens und die Verkündigung des Evangeliums seien sie gemeinsam in der Verantwortung, erinnerte Marx im Interview mit dem BR. Zugleich wies er darauf hin, dass vieles immer noch an der persönlichen Bereitschaft der Bischöfe hinge: „Aber Macht teilen, miteinander Verantwortung übernehmen – das wird die Zukunft sein!“
Für den katholischen Theologen Thomas Söding ist deshalb schon die Wahl des Bischofs ein wichtiger Punkt. Der Bochumer erhofft sich hier in der Zukunft mehr Mitbestimmungsrecht für die Gläubigen. Dabei gehe es nicht nur darum, dass am Schluss Laien angehört worden seien. „Sondern dass es wirklich qualifizierte Beteiligung gegeben hat.“ Eine synodale Kirchenordnung, die die Gläubigen mitentscheiden lässt, wer ihr Bischof sein soll, hält auch die ehemalige Bundesbildungsministerin und Deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl, Annette Schavan, für nötig. „Der Bischof sollte werben, wer die Herzen der Menschen erreicht – alles andere ist binnenkirchlich interessant.“
Hören auf junge Christen entscheidend
Der katholische Soziologe Hans Joas fordert ein Rollenverständnis, das nicht die Amtskirche, sondern die Bedürfnisse der Menschen an erster Stelle sieht. Bischöfe in der Vergangenheit hätten gerade im Kontext von Missbrauch ihr Amt genutzt, um die Institution zu schützen. „Das Volk der Gläubigen ist nicht mehr bereit, das hinzunehmen.“
Johanna Gressung, Diözesanjugendseelsorgerin in München, wünscht sich von künftigen Bischöfen, dass vor allem auch die Sorgen der jungen Menschen mehr Gehör finden. Die seien es ohnehin nicht gewohnt, dass man ihnen zuhört: „Und wenn ein Bischof der Zukunft das erfüllen würde, dann hätte er echt die Chance, mit der Jugend ins Gespräch zu kommen, und vor allen Dingen die Chance, dass die Jugend ihm wirklich auch sagt, was sie denkt.“
Neustart nach Rücktrittsangebot
Dass der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx sein 30-jähriges Bischofsjubiläum feiert, ist nicht selbstverständlich, denn 2021 hatte er Papst Franziskus vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale eigentlich schon einmal seinen Rücktritt angeboten. Doch der Papst lehnte ab und Marx machte weiter.

