Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor zeigen in ihrem Dokumentarfilm „NAZA“ den militärischen Alltag des Tötens. Der Vorwurf: zivile Opfer würden kaltblütig und mit Berechnung in Kauf genommen.
24 israelische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter sprechen als Whistleblower, unkenntlich gemacht und verfremdet, in Interviews auf nächtlichen Hausdächern in Tel Aviv von ihrer Arbeit im Gaza-Krieg in den elektronisch hochgerüsteten Einsatzzentralen. Es sind Berichte vom Einsatz hochmoderner Technologien, über eine KI-generierte Software namens „Lavender“, die das Töten von Zivilisten und das Verwüsten Gazas zum Bürojob per Mausklick pervertieren würden. „Ich habe eine vollständige Karte von jedem Viertel in Gaza. Ich kann auf ein Haus klicken und sehe, wie viele Menschen verletzt werden, wenn ich es bombardiere!“ So schildert es einer der Befragten im Film.
„NAZA“ – Codewort für Kollateralschaden
„Naza“, der Titel des Films, ist das Codewort für Kollateralschaden. Also zivile Opfer, die vom System billigend in Kauf genommen werden, um etwa eine terroristische Bedrohung auszuschalten. Der Titel des Films sei eine Kritik an dieser Idee von Kollateralschäden, sagt Regisseur Yuval Abraham. „Israel verlässt sich bei der Auswahl der Ziele auf KI und wusste oft, dass es auch Menschen ins Visier nahm, die nicht zum militärischen Flügel der Hamas gehörten. Das System wartet darauf dass eine Person heimkommt, mit Hilfe von Telefonüberwachung der Familie. Sie warten darauf, dass ein Sohn oder eine Tochter ihre Mutter anruft und sagt: Papa ist zu Hause. Und dann wird dieser Satz vom System erfasst und das gesamte Haus wird bombardiert. Die ganze Familie stirbt!“
Man wird bei den gefilmten Interviews Zeuge von Entmenschlichung, erfährt wie ein Interviewter die Frage knapp bejaht, ob er etwa an einem Genozid beteiligt gewesen sei, erfährt, wie die israelische Kommandozentrale, diese „Fabrik aus Zielen“, wie sie einer nennt, mittels hochkomplexer Software arbeitet.
Regieteam holte sich für die Verifizierung externe Unterstützung
„Es gab einmal einen Angriff. Ich habe es nie erfahren, wie viele Menschen genau getötet wurden, weil es nie untersucht wurde. Aber es gab die Freigabe, 500 zu töten.“ Die Whistleblower erzählen all dies ruhig und sachlich, unterstreichen manche ihrer Berichte mit Handzeichnungen. Manche lassen Skepsis und Gewissenbisse erkennen, andere sagen, dass sie nach dem Töten ruhig nach Hause könnten. „Wir haben Soldaten, die sich nach dem 7. Oktober gegenseitig gesagt haben, wir müssen Gaza auslöschen!“, sagt Regisseur Yuval Abraham.
„NAZA“ ist ein aufrüttelndes Dokument, das einen bestürzt, verzweifelt und wütend zurücklässt. Vorausgesetzt die heftigen Aussagen der Mitwirkenden, die auch von gezielten Schüsse auf palästinensische Zivilisten berichten, sind so zutreffend. Unabhängig überprüfen lässt sich das nur schwer. Das Regieteam holte sich für die Verifizierung externe Unterstützung, sagt Regisseurin Rachel Szor. „Wir haben genau dafür mit der Zeitung ‚The Guardian‘ zusammengearbeitet. Alles, was man im Film sieht, wurde überprüft. Alles was eine Quelle sagt, wurde von mehreren Quellen bestätigt!“
Israelische Armee widerspricht
Die israelische Armee wies die Vorwürfe am 12. September, einen Tag bevor der Film bei den Filmfestspielen in Venedig den Spezialpreis der internationalen Jury erhalten sollte, zurück. Sie stellte die Glaubwürdigkeit der Zeugen infrage. Manche Aussagen beträfen Entscheidungen, über die Angehörige niedrigerer Dienstränge keinen Überblick haben könnten. Die Armee kritisierte, ihr sei der Film für eine Erwiderung nicht vorab vorgelegt worden.
Laut Armee werden auch Angriffe abgebrochen, sobald der absehbare zivile Begleitschaden im Missverhältnis zum militärischen Vorteil stehe – so wie es das humanitäre Völkerrecht vorschreibt. Die im Film dargestellte systematische Hinnahme hoher ziviler Opferquoten gehöre nicht zur Militärdoktrin. Zu den Vorwürfen über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sagte Armee-Sprecher Effi Defrin, Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal getroffen und nicht von Künstlicher Intelligenz. Kulturminister Miki Zohar von der Likud-Partei bezeichnete die Arbeit der Filmemacher als Landesverrat und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

