Der Karikaturist und Kinderbuch-Autor Luis Murschetz zeichnete jahrzehntelang für die Süddeutsche Zeitung und die „Zeit“. Er wurde 90 Jahren alt. „Ich denke, einen guten Karikaturisten macht aus, dass er mit Humor Dinge auf den Punkt bringen kann – abstrakte Situationen in Bildern fassen kann. Dabei schadet es nicht, wenn er wirklich gut zeichnen kann und wenn er auch die Physiognomie der Beteiligten trifft“, so Murschetz.
Luis Murschetz war kein Mann großer Worte, durch und durch bescheiden im Auftritt. Und er war immer zweierlei: politischer Karikaturist und Kinderbuch-Autor. „Der dicke Karpfen Kilobald“ und „Tubi Walross“ sowie „Der Hamster Radel“ hießen seine Werke – am berühmtesten aber war und ist „Der Maulwurf Grabowski“ von 1972. „Man kann so einen Erfolg nicht planen. Ich habe wahrscheinlich einen Nerv getroffen, einen grünen Nerv der Zeit“, so Murschetz.
Das Große im Kleinen zeigen
Geschrieben hat er es damals für seine Tochter Annette. Die Familie Murschetz wohnte seinerzeit in Feldkirchen, das sich durch die Nähe zum alten Flughafen in München-Riem und neue Autobahnzubringer stark veränderte. Vater und Tochter sahen, was sich auf dem Weideland vor ihrer Haustür alles tat – so kam ihm die Idee zum Buch. „Das handelt von einem Maulwurf, der eines Tages damit konfrontiert wird, dass die Wiese irgendeiner Tiefgarage oder einem Baumarkt weichen soll, und es kommen die Landvermesser zuerst, die ihn schon erschrecken, später die Maschinen, die ihn aus der Erde heben, und er muss dann flüchten, eine ganz gefährliche Straße überqueren und findet dann weiter draußen eine neue Wiese. Das Ende im Buch ist dann sehr tröstlich – behaglich und geruhsam, sagt er – schläft er in seiner Höhle, aber man könnte sich auch vorstellen, der nächste Baumarkt droht schon um die Ecke.“
Kommentator der Zeitläufte
Er habe einfach im Kleinen gezeigt, was die Großen anstellen mit ihren Baggern, sagte Luis Murschetz. Damals 1972 erschien seine erste Karikatur inmitten der Bleiwüste von Leitartikeln auf der Eins der Hamburger „Zeit“. Die „Süddeutsche“, der er bis zuletzt als hintersinniger Kommentator der Zeitläufte treu bleiben sollte, veröffentlichte schon 1967 seine erste feingestrichelte Zeichnung: zum Vietnamkrieg. „Ich weiß nicht, ob die gut gezeichnet war oder nicht, aber die Idee war halt so: Es war eine vogelkundliche Wanderung und irgendein vietnamesischer Lehrer hat seinen Schülern gezeigt, diese Gattung fliegt immer nur nach Norden – und das waren Flugzeuge, also Bomber. Das war die erste, die sie gedruckt haben bei der SZ“, sagte Luis Murschetz.
Im Interview danach gefragt, ob er sich als „Moralist der Zeichenfeder“ verstehe, wie er genannt wurde, antwortet Murschetz: „Eigentlich nicht, aber kann schon sein, man hat ja nicht so eine besondere Vorstellung von sich selber. Das hat ein ziemlich wichtiger Feuilletonist mal behauptet. – Johannes Willms. – Ja, und der ist ja klug, vielleicht weiß der’s.“
Er wundere sich oft, dass er so alt geworden sei und so viele seiner Wegbegleiter überlebt habe, sagte Luis Murschetz mal im Gespräch. Nun ist er im Alter von 90 Jahren in München gestorben.

