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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Stumpfe Krallen der Hyänen: Ist die Dreigroschenoper veraltet?
Kultur

Stumpfe Krallen der Hyänen: Ist die Dreigroschenoper veraltet?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 28. Februar 2026 10:48
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Hyänen haben scharfe Zähne, aber stumpfe Krallen, insofern sind sie in der Savanne womöglich doch besser aufgehoben als im Kapitalismus. Gleichwohl zeigt die deutsch-israelische Regisseurin Sapir Heller ihre „Dreigroschenoper“ am Staatstheater Augsburg als Überlebenskampf von Hyänen. Klar, die Aasfresser haben durchaus etwas Imagepflege nötig, und wer weiß, ob sie nicht auch manchmal nach einem Raubzug seufzen: „Wir wären gut – anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Inhaltsübersicht
Unfallstelle mit frischem Fisch2027 werden Brecht-Texte gemeinfrei„Kanonensong“ verplätscherte im Ungefähren

Bei Bertolt Brecht geht es bekanntlich um Gesellschaftskritik, um die Verteilung von Reichtum und Armut und darum, wie sich die Wohlhabenden ihre Wirklichkeit zurechtlügen und ihren Egoismus idealisieren. Ob die Hyänen dafür die passenden Sinnbilder sind, blieb nach der Premiere allerdings eher fraglich. Eher schon fühlte sich mancher im Publikum an das Musical „Cats“ erinnert, so putzig und im eigentlichen Sinn des Wortes zahnlos, wie manche Szene geriet.

Unfallstelle mit frischem Fisch

Dabei ist die „Verfremdung“ bei Brecht-Stücken ja für jeden Regisseur das Mittel der Wahl, und warum sollte eine Tier-Parabel nicht mal für Irritation sorgen. Das Problem: Die Verfremdung soll üblicherweise undurchsichtige gesellschaftliche Verhältnisse transparent und verständlich machen, also die Kritik verschärfen, was in diesem Fall nicht gelang. Vor allem war diese „Dreigroschenoper“ viel zu verspielt, streckenweise albern, gelegentlich fade.

Bühnenbildnerin Anna van Leen hatte eine gleichnishafte Unfallstelle entworfen: Ein Laster mit frischen Fischen kam offenbar von der Straße ab, das Führerhaus schleuderte in die eine Ecke, in der anderen liegt der aufgeplatzte Transportraum. Die Fische quellen heraus und stapeln sich auf der Straße. Das lockt die Hyänen an, darunter den aasigen Rudelchef Mackie Messer, seinen alten Kumpel und Polizeichef „Tiger“-Brown und das profitgierige Geschäftsehepaar Jonathan und Celia Peachum.

Sie alle fressen in rauen Mengen Fische, die zwar als „Lachse“ und „Forellen“ bezeichnet werden, aber das Geld und die Macht symbolisieren. Mit Fischen geht alles, ohne Fische geht nichts.

2027 werden Brecht-Texte gemeinfrei

Im Programmheft zur Premiere bestand Regisseurin Sapir Heller auf einem „kritischen Blick“ auf Brechts populärstes Werk. Sie stört sich nach eigenen Worten am antiquierten Frauenbild, an „rassistischen“ Stellen und am so verstörenden wie ironischen Happy End: Der brutale Bösewicht und Frauenschänder Mackie Messer kommt ja mit dem Leben davon, weil ihn ein „reitender Bote der Königin“ rettet und sogar in den Adelsstand erhebt.

Sicherlich ist es nachvollziehbar, dass sich bei einem Stück, das fast 100 Jahre alt ist, solche und weitere Fragen nach der Aktualität stellen. Das Problem daran: Erst nächstes Jahr, 70 Jahre nach seinem Tod, werden die Texte von Bertolt Brecht gemeinfrei und können damit auf der Theaterbühne deutlich gründlicher befragt und verändert, auch mit Fremdtexten konfrontiert werden. Bis dahin sind Regisseure weitgehend auf den Originaltext beschränkt.

„Kanonensong“ verplätscherte im Ungefähren

Ein Grund dafür, warum diese Inszenierung insgesamt halbherzig blieb und zum Auftakt des diesjährigen Brechtfestivals enttäuschte. Das gilt auch für die musikalische Seite. Dirigent Ivan Demidov hätte Kurt Weills Musik getrost etwas rauer und unwirscher klingen lassen können. Der ganz schwarze Humor, der in den Noten enthalten ist, wurde nicht immer deutlich.

Die Solisten, darunter Thomas Prazak als Mackie Messer und Olivia Lourdes Osburg als Polly, ließen die schneidend-kalten Sprechgesangstimmen vermissen, die hier nötig gewesen wären. Das schaffte nur Natalie Hünig in der Männerrolle des Jonathan Peachum. Alle anderen rackerten sich stimmlich tapfer ab, blieben jedoch konturenlos. Selbst der berühmt-berüchtigte und ziemlich fragwürdige „Kanonensong“ verplätscherte im Ungefähren.

Mit und ohne Hyänen dürfte die „Dreigroschenoper“ ab 2027 aus dem genannten Grund wieder eine spannendere Angelegenheit werden. Dass sich der (Raubtier)-Kapitalismus bis dahin weltweit erledigt, ist ja nicht zu erwarten.

Bis 30. Mai am Staatstheater Augsburg.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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