Der bekannteste Künstler der Welt ist ein Unbekannter. Fast zumindest. Seit der Veröffentlichung der Recherchen von Reuters im März dieses Jahres weiß man ja ein bisschen mehr über den Mann, der sich hinter dem Pseudonym „Banksy“ verbirgt.
Drei „Enthüllungen“ hat Banksy schon hinter sich
Angeblich handelt es sich dabei um Robert Gunningham, einen 1973 in Bristol geborenen Graffiti-Künstler, der seinen Namen inzwischen in David Jones geändert hat. Ja, und nun? Ist das jetzt der Tod von Banksy, wie die „Zeit“ behauptet hat? Immerhin ist (beziehungsweise: war) die Anonymität ja ein integraler Bestandteil von dessen Künstlerperformance.
Ulrich Blanché sieht das entspannter. Der Kunstwissenschaftler war als Fact-Checker an den Reuters-Recherchen beteiligt und hat jetzt eine große Biografie über Banksy vorgelegt. „Ich wollte eigentlich nicht, dass der Name rauskommt“, verrät er. Er habe den Journalistinnen und Journalisten vor allem dabei geholfen, zu verstehen, wie das „System Banksy“ funktioniere – zum Beispiel, wie Banksy, der nicht von einer Galerie vertreten wird überhaupt Geld macht mit seiner Kunst.
Dass der Name nun bekannt ist, findet Blaché allerdings auch nicht dramatisch. Immerhin sei die Reuters-Recherche schon die dritte große Enthüllungsstory über den Graffiti-Künstler. Die erste kam bereits 2004 raus. Und geschadet hat sie Banksy nicht, so wenig wie die aktuelle.
Banksys Geheimnis: Er wiederholt sich (fast) nicht
Im Juni dieses Jahres wurde wieder mal ein neues Werk von ihm entdeckt. Mitten in London tauchte über Nacht eine meterhohe Statue auf, am Sockel eine eindeutige Signatur. Das Motiv: ein marschierender Mann, der ins Leere tritt, in der rechten Hand eine Flagge, die ihm die Sicht nimmt.
Eine Warnung vor blindem Patriotismus, so lautete die dominierende Lesart damals. Und wie eigentlich immer bei Banksy machte die Aktion weltweit Schlagzeilen. Dass sein Klarname bekannt ist, tut dem Interesse an seinen künstlerischen Interventionen also keinen Abbruch.
Fragt man Blanché, dann liegt das vor allem daran, dass sich Banksy immer wieder Neues einfallen lässt. „Er will sich nicht wiederholen“, erklärt der Kunsthistoriker. „Es gibt so viele Künstler, die immer das Gleiche erzählen, die die immer wieder das liefern, was die Leute wollen. Banksy versucht das nicht.“
Nur vordergründig simpel: Banksys Bildsprache
Natürlich ist Banksy vor allem als Graffiti-Künstler bekannt. Tatsächlich bedient er allerdings sehr verschiedene künstlerische Medien: Dokumentarfilm, Skulpturen, Siebdrucke. Diese Ausdrucksvielfalt sei schon für sich genommen bemerkenswert, mein Blanché.
Dazu kommt ein Händchen für ikonische Motive. Zum Beispiel der vermummte Demonstrant, der statt eines Molotow-Cocktails einen Blumenstrauß wirft. Oder Banksys „Balloon Girl“, ein Mädchen, das einen roten, herzförmigen Luftballon fliegen lässt. Bilder, die sich vermeintlich einfach entschlüsseln lassen.
Doch Blanché warnt: Gerade im Fall von Banksy sei es wichtig, sich als Betrachter nicht zu schnell zufrieden zu geben. In solchen vordergründig simplen Motiven liege oft mehr, als der oberflächliche Blick vermuten lasse. Banksy sei zum Beispiel sehr bewandert in der Geschichte der Streetart-Bewegung, meint Blanché, und als Kunsthistoriker mache es ihm viel Spaß, all die Referenzen darauf in den Werken zu entschlüsseln.
Wie verdient Banksy sein Geld?
Bleibt noch die Frage, wie Banksy mit dem, was er tut, eigentlich Geld verdient? Wie gesagt, von einer Galerie wird er nicht vertreten. Man mag in dem Zusammenhang auch an eine Aktion aus dem Jahr 2018 denken. Damals ließ er eines seiner Werke im Rahmen einer Auktion versteigern, um es kurz nach dem verkauf schreddern zu lassen.
Ein Spitze gegen den Kunstmarkt? Ein Fan dieses Markts sei Banksy jedenfalls nicht, sagt Blanché. „Kunst als Aktie, das ist etwas, was er ablehnt.“ Gleichzeitig sei er jedoch auch kein armer Schlucker. Vielmehr trete er selbst an Sammler heran, um seine Werke zu verkaufen. Darunter viele Prominente wie „Star Wars“-Schöpfer George Lucas oder Popstar Robbie Williams.
Ein Antikapitalist ist Banksy also nicht. Eher sowas wie ein sehr reflektierter Marktteilnehmer. Und einer mit sozialem Gewissen: Seit Jahren finanziert er ein Flüchtlingsboot, das im Mittelmeer auf Seenotrettung geht. Und – wie Blanché sagt: „Dieses Geld muss erstmal verdient werden.“

