Auf dem Münchener Promenadenplatz werden die neuen Machtverhältnisse in der Rüstungsindustrie sichtbar: Gegenüber dem Hotel Bayerischer Hof wirbt kein altbekannter Rüstungsriese wie Airbus oder Rheinmetall um Aufmerksamkeit, sondern eine Firma, die gerade einmal fünf Jahre alt ist. Das Münchener Unternehmen Helsing präsentiert auf einem mehrere Stockwerke hohen Plakat ein futuristisches Fluggerät. Die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz können dort sehen, wie sich das Helsing die Zukunft der Luftwaffe vorstellt. Das Plakat zeigt eine geplante Kampfdrohne, die Helsing gemeinsam mit dem ebenfalls im Freistaat angesiedelten Elektronikspezialisten Hensoldt entwickeln und dann an die Bundeswehr liefern will.
Dass es das Startup ernst meint, ist seit 2025 bekannt: Helsing kaufte im Sommer den schwäbischen Flugzeugbauer Grob, um künftig eigenes Fluggerät entwickeln und produzieren zu können. Geld dafür ist vorhanden: Helsing wird von Investoren mit mehreren Milliarden Euro bewertet.
Wettlauf der bayerischen Drohnenhersteller
Unbemannte Systeme wie die geplante Kampfdrohne von Helsing sind schon jetzt ein Milliardengeschäft, in dem zahlreiche bayerische Hersteller mitspielen. Neben Helsing gilt vor allem das Gilchinger Unternehmen Quantum Systems als besonders erfolgreich. Gründer und Firmenchef Florian Seibel gehört seit den ersten Tagen des russischen Angriffskrieges als entschlossener Unterstützer der Ukraine und liefert dem Land seit Jahren im großen Stil Überwachungsdrohnen.
Inzwischen produziert Quantum Systems auch vor Ort. Ein Engagement, das in der Ukraine hochgeschätzt wird, sagte Präsident Wolodymyr Selensky zum Auftakt der Sicherheitskonferenz bei einem Besuch der Quantum-Zentrale. Neben Helsing und Quantum gibt es noch zahlreiche weitere junge Drohnenfirmen im Münchner Umland.
Bayern als Rüstungszentrum
Insgesamt gilt Bayern längst als ein Zentrum der europäischen Rüstungsindustrie. Bei einer Veranstaltung in München sagte Wolfram Hatz, der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft vbw, die Branche beschäftige im Freistaat 50.000 Menschen und erwirtschafte eine Wertschöpfung von 9,5 Milliarden Euro, Tendenz rasant steigend. Das biete auch Chancen für andere Branchen, in denen es nicht so gut läuft. So versuchen laut Hatz zahlreiche Firmen aus der schwächelnden Autoindustrie und dem Maschinenbau, auch mit Waffenschmieden ins Geschäft zu kommen. Allerdings sei dies nicht immer einfach, auch wegen strenger Sicherheitsauflagen, so der vbw-Präsident. Überhaupt sieht die Industrie noch zahlreiche Hürden auf dem Weg zu einer effizienten Ausrüstung der Bundeswehr. Ähnlich sehen es andere Wirtschaftsvertreter.
Paukenschlag des BDI-Präsidenten
Man konnte eine Stecknadel im Saal fallen hören, als BDI-Präsident Peter Leibinger auf der Sicherheitskonferenz erklärte, Europa müsse sich mit, ohne und im Extremfall auch gegen Washington verteidigen können. Diesem verbalen Ausrufezeichen folgten konkrete Forderungen. Europa müsse endlich konsequent in die Fähigkeiten investieren, seine Grenzen selbstständig schützen zu können. Dafür brauche es eine starke Industrie, Spitzentechnologie und ein breites Verständnis der Öffentlichkeit für die Bedrohungslage. Vorbild könne hier ein Staat wie Finnland sein. Das Land setzt seit Jahrzehnten auf eine solche Vernetzung, um dem großen Nachbarn Russland Abwehrbereitschaft zu signalisieren.
Konkret forderte der BDI-Präsident die hiesigen Unternehmen auf, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern neue Technologien auch schnell in Produkte und Systeme umzusetzen, die sich gerade im Spannungs- oder Verteidigungsfall massenhaft produzieren lassen. Er nannte als Beispiele unter anderem Munition, Drohnen, Kommunikationssysteme und Sensorik. Außerdem müsse die Politik schneller als bisher Rüstungsaufträge erteilen. Nur dann werde die Industrie auch in mehr Produktionskapazitäten investieren – auch in Bayern.
Masse vor Perfektion
Ein Umdenken fordert auch Marc Wietfeld, Chef von Arx Robotics aus dem Münchener Umland. Das Unternehmen hat sich auf unbemannte Landfahrzeuge spezialisiert, kleine Panzer, die unter anderem die Ukraine an der Front einsetzt. Der frühere Bundeswehroffizier ist überzeugt, dass es künftig darauf ankomme, Systeme wie Drohnen in riesigen Stückzahlen herzustellen. Bundeswehr und auch die klassische Industrie müssten einsehen, dass in militärischen Konflikten möglichst viel Material verfügbar sein müsse, das seinen Zweck ordentlich erfülle. Das sei besser als ein bis ins letzte Detail perfektes Gerät, das sehr aufwendig und teuer sei und nur in geringen Stückzahlen bereitstehe.

