Es sind Bilder, wie man sie von früher kannte – von vor der Corona-Pandemie, als sich die Siemens-Aktionäre zuletzt zu einer Hauptversammlung trafen. Vor der Münchner Olympiahalle: kleine Grüppchen im Gespräch, Ausweise um den Hals, Unterlagen unter dem Arm. Und drinnen – viele leere Ränge. Von den gut 8.000 Teilnehmenden verfolgte mehr als die Hälfte die Hauptversammlung lieber am PC oder Laptop, nur 3.500 hatten sich auf den Weg nach München gemacht. Seit Corona hat sich bei Siemens viel verändert.
Gute Zahlen heben die Stimmung der Siemens-Aktionäre
Als der Vorstand die Entwicklung der vergangenen Monate aufruft, ist der Grundton freundlich. Applaus gibt es vor allem dort, wo Siemens liefern kann: bei den Ergebnissen. Viele Aktionäre verbinden damit etwas sehr Konkretes – Stabilität in unsicheren Zeiten. Und die Rechnung stimmt – zumindest zum Auftakt des Geschäftsjahres. Siemens meldet für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2025/2026 (Oktober bis Dezember 2025) ein deutliches Plus: Der Umsatz legt um acht Prozent auf 19,14 Milliarden Euro zu, unter dem Strich blieb ein Gewinn von 2,22 Milliarden Euro.
Der Siemens-Chef hat große Pläne
Für Vorstandschef Roland Busch ist der heutige Termin auch persönlich ein ganz Besonderer: Es ist seine erste Präsenz-Hauptversammlung als Unternehmenschef. Und er nutzt seinen Auftritt, um die langfristige Erzählung zu setzen: Siemens soll sich weiter zur sogenannten „One Tech Company“ entwickeln – stärker softwaregetrieben, mit Künstlicher Intelligenz als Wachstumstreiber in den Industriegeschäften.
Unter diesem Leitmotiv will Busch die Kernsparten Digital Industries, Smart Infrastructure und Mobility enger zusammenführen. Siemens präsentiert sich als Konzern, der Industrieproduktion, Gebäude, Netze und Mobilität nicht nur mit Hardware bedient, sondern zunehmend über Software, Daten und KI zusammenbindet. Mit der alten Siemens AG, die viele noch mit Waschmaschinen und Kühlschränken verbinden, hat das längst nichts mehr zu tun.
Kritik der Siemens-Aktionäre in der B-Note
Gerade bei dieser Zukunftserzählung werden aber auch die kritischen Punkte sichtbar – weniger als grundsätzliche Ablehnung, mehr als Forderung nach Nachvollziehbarkeit. Aktionärsschützer und Fondsvertreter bemängeln, die Software- und KI-Strategie sei für Investoren zu wenig transparent – eine „Blackbox“ ohne ausreichend eigene Kennziffern, um Ergebnisbeiträge sauber zu bewerten. Ein Kritiker formuliert es so: Siemens habe das Potenzial, Gewinner der industriellen KI-Revolution zu sein – aber „wann wird aus der Story endlich Substanz?“
Dazu passt der zweite große Diskussionspunkt: Siemens hat jüngst große Software-Zukäufe gestemmt, darunter Altair und Dotmatics – zusammen rund 16 Milliarden Dollar. Viele werten das als klare Ansage, dass Siemens den Umbau ernst meint. Gleichzeitig steigt damit der Druck, dass diese Deals schnell messbare Ergebnisse liefern – und Siemens bei weiteren Übernahmen diszipliniert bleibt.
Der Siemens-Chef gibt sich unbeirrt
Die Konzernspitze will an Kurs und Tempo festhalten, verspricht zugleich aber mehr Klarheit in Details. Und was wird aus der Olympiahalle? Künftig setzt Siemens wieder vermehrt auf virtuelle Treffen, will in den nächsten fünf Jahren aber mindestens ein Aktionärstreffen in Präsenz abhalten. Vielleicht wird es dann auch wieder voller auf den Rängen.

