Mehr als 94 Millionen Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für den Posten „Verwaltungskosten für Mitgliederwerbung von privaten Dienstleistern“ ausgeben. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Anstieg um mehr als die Hälfte. Eine zentrale Rolle bei diesen Ausgaben spielt eine Provision, die private Dienstleister erhalten, wenn sie Versicherte von einer Kasse zu einer anderen vermitteln. Bis zu 118,65 Euro zahlt die neue Kasse pro Vermittlung. Die Provision ist gesetzlich geregelt und steigt jedes Jahr.
Scharfe Kritik von Verbraucherschützern
„Ein Unding“ nennt die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen (BAGP), Carola Sraier, diese Provision. Die Beiträge der Kassenpatienten sollten für medizinische Versorgung ausgegeben werden, und nicht für Vermittlungsprämien, fordert Sraier.
Genauso sieht es Uwe Klemens, er vertritt in der Selbstverwaltung des GKV-Spitzenverbandes die rund 74 Millionen Versicherten. Er findet es „unmöglich“, dass Krankenkassen Geld an Portale wie Check24 zahlen. In der gesetzlichen Krankenversicherung hätten die Kassen gemeinsam die Aufgabe, solidarisch die Gesundheitsversorgung zu organisieren, betont Klemens.
Kritik an Preis-Wettbewerb
Die BAGP-Sprecherin Sraier sieht auch kritisch, dass auf Online-Portalen vor allem Krankenkassen mit einem niedrigen Beitragssatz hervorgehoben werden. Sraier nennt als Beispiel einen Patienten mit Elektrorollstuhl, dessen Kasse einen Vertrag mit einem Anbieter in Duisburg hat. Da müsse ein Versicherter in Bayern auf eine notwendige Reparatur schon mal fünf Tage warten: „Das ist keine Lösung, die dem Patienten etwas bringt.“
Gefährliche Zusatzleistungen?
Noch einen weiteren Kritikpunkt sieht Thomas Moormann, der beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) für den Bereich Gesundheit zuständig ist. Wenn Kassen auf Online-Vergleichsportalen nicht über einen niedrigen Beitragssatz punkten können, setzen sie nach seiner Beobachtung auf Angebote, die er für „hochproblematisch“ hält: Etwa Früherkennungsuntersuchungen auf Krebs, die wissenschaftlich nicht abgesichert sind. Wenn Kassen beispielsweise Test-Kits zum Selbsttest auf Prostatakrebs verschicken, dann falle völlig unter den Tisch, dass jede Untersuchung auch Schaden anrichten kann, etwa durch falsche Ergebnisse.
Portal-Marktführer schweigt
Check24, das Online-Portal mit dem mit Abstand größten Marktanteil, will sich zur Kritik an seinem Geschäftsmodell nicht äußern. Finanzfluss und Kassenkompass betonen, es gehe ihnen darum, Versicherten eine bestmögliche Orientierung zu bieten, je nachdem, worauf sie besonders viel Wert legen: Beitragssatz, Service oder Zusatzleistungen.
Krankenkassen gehen ganz unterschiedlich mit der Frage um, was sie vom Kassenwettbewerb über Online-Portale halten. Die größten bundesweiten Kassen TK, Barmer und DAK geben keine Auskunft darüber, wie viel Geld sie für Wechselprovisionen ausgeben und nehmen ein „Geschäftsgeheimnis“ für sich in Anspruch.
Schwierig für Kassen auf Portale zu verzichten
Offener ist die AOK Bayern. Sie erklärt, sie habe vergangenes Jahr rund 150.000 Euro für Provisionen ausgegeben. Gemessen an den rund 4,7 Millionen Versicherten der Kasse sei das aber ein vergleichsweise niedriger Betrag. Der AOK-Vorstand Stephan Abele macht deutlich, dass es schwer sei, bei der Mitgliederwerbung auf Online-Portale ganz zu verzichten.
Allerdings ist der AOK-Vorstand nicht glücklich damit, wie Kassen auf den Portalen dargestellt werden. Die verschiedenen Angebote seiner Kasse ließen sich dort gar nicht alle abbilden, sagt Abele. Außerdem würden die Portale laufend die Kriterien ändern, nach denen eine Kasse besonders positiv dargestellt wird.
Nur wenige Kassen machen es wie die Bosch BKK: Sie macht beim Wechselkarussell nicht mit. Das Angebot seiner Kasse lasse sich dort nicht darstellen, erklärt der Kassen-Vorstand Frieder Spieth. Außerdem befeuern die Online-Portale seiner Ansicht nach einen reinen Preis-Wettbewerb, der einer guten Gesundheitsversorgung schade.
Neutrales Portal gefordert
Die Verbraucherzentralen und andere Verbraucherschützer fordern ein nicht-kommerzielles Kassenvergleichs-Portal, das von einer unabhängigen Stelle betrieben wird. Dort könnten auch Daten darüber einfließen, wie oft eine Kasse bestimmte Anträge erst einmal ablehnt, erklärt der VZBV-Experte Moormann.
Die Ampel-Koalition hatte die Idee aufgegriffen und einen entsprechenden Gesetzentwurf erarbeitet. Der ist allerdings nach dem Bruch der Koalition wieder in die Schublade gewandert. Ob die aktuelle Bundesregierung das Projekt weiter verfolgt, ist offen.
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