Manchmal ist es unbequem, das Naheliegende auszusprechen. Aber nach vier Insolvenzen in sechs Jahren drängt sich ein Gedanke auf: Muss Galeria wirklich gerettet werden? Kann Galeria überhaupt noch gerettet werden? 83 Filialen, 12.000 Beschäftigte, viele ungeklärte Verhältnisse, Bangen um Gehaltszahlungen.
Der Betriebsrat würde sicherlich und nachvollziehbarerweise sagen: Ja, natürlich. Aber auch er schränkt das ein. Hier fällt in einem vertraulichen Gespräch mit BR24 sehr schnell diese Einschränkung: „Es kommt auf den Standort an“. Dahinter steckt ein simpler Gedanke: Die Kundschaft in München-Neuhausen hat naturgemäß andere Ansprüche als diejenige im kleineren Rosenheim oder im studentischen Würzburg.
Kundenservice als echtes Alleinstellungsmerkmal
Galeria könne etwas, das nicht mehr so viele bieten: Beratung und Kundenservice. Daraus könne man doch etwas machen, heißt es. Zum Beispiel müssten die Geschäftsleitungen vor Ort viel leichter ihr Sortiment an ihren jeweiligen Standort anpassen können. Die hippen Slipper gibt es in Würzburg, die hochwertigen Messersets in München-Neuhausen. Ja, es würde bedeuten: Nicht in jeder Filiale gebe es alle Produkte.
Aber wenn in Neuhausen doch mal Slipper nachgefragt werden, dann wird das schnell und unkompliziert organisiert. „Früher ging so etwas schließlich auch“, heißt es. „Aber wenn man immer am Personal spart, wird so ein Service eben unmöglich.“
Die Standorte sind das größte Pfund
Und was zieht die Kundschaft weg vom Online-Shopping und rein in die Filialen? Die kompetenteste Kofferberatung, der schönste Innenhof, der beste Blick über die Stadt – genau das wäre das große Pfund großer Kaufhäuser, findet der Innenstadt-Entwickler Christian Hörmann von der Münchener Agentur CIMA. Denn auch Hörmann sagt: „Es kommt auf den Standort an.“
Er geht, wie so viele, davon aus, dass etliche Galeria-Standorte schließen werden. Aber egal, ob Galeria in Aschaffenburg, Memmingen oder Bayreuth erhalten bleibt oder nicht – in jedem Fall sind da innerstädtische Gebäude (und ihre Grundstücke), die nicht brachliegen sollten. Für Hörmann eröffnet das jede Menge Spielraum: „Da Wohnungen reinzubauen ist ja nur eine Idee – eine komplizierte noch dazu. Aber was ist mit Ärzten, Schulen, Hochschulen, Kitas oder Büros? Da ist so viel Potential.“
Ganz allgemein fragt Hörmann sich, wann die Eigentümer endlich „ihren Plan B für das Unabwendbare“ auf den Tisch legen. Denn die Bedürfnisse der Kundschaft haben sich einfach verändert. „So eine Innenstadt muss auch dann ein Wohlfühlort sein, wenn es gar keinen konkreten Anlass zum Einkaufen gibt.“ Dazu können, so Hörmann, die Galeria-Standorte einiges beitragen.
Die Menschen wollen wieder in die Innenstädte
In ihrer Deutschlandstudie Innenstadt (externer Link) hat die Agentur jüngst gezeigt, wie gefragt Innenstädte als Begegnungsorte sind. Sich als Warenhaus stärker zu öffnen, koste natürlich Geld, aber nicht zu investieren, würde „eine echte Zahnlücke“ hinterlassen. Und Zahnlücken bergen bekanntermaßen Kariesrisiko. Ohnehin, so Hörmann, haben eben nicht nur die Eigentümer dieser Standorte ein Interesse. „Diese Kaufhäuser werden ja auch von der jeweiligen Stadt und den Nutzern bespielt.“
Ja, und ist es nun sinnvoll, so viele Galeria-Filialen wie möglich zu retten? Oder hat das Konzept Warenhaus in der Innenstadt ausgedient und etwas anderes muss her? Kleiner müsse es werden, da sind sich die Befragten einig. Kleiner und besser „auf den jeweiligen Standort“ zugeschnitten.
„Das Warenhaus ist nicht tot“
Aber das Warenhaus an sich ist mitnichten tot, sagt Carsten Kortum. Er ist Studiengangsleiter der BWL an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und befasst sich schon lange mit den Galeria-Insolvenzen. Die Galeries Lafayette, Coop und Breuninger gebe es schließlich auch noch.
Und Kortum fügt noch hinzu: „Es muss wieder klar werden, wofür Galeria eigentlich steht.“ Dann gebe es auch eine Zukunft – denn die Beschäftigten hätten etliche Ideen, um ihre Galeria wieder fit zu machen: Partys, Kochkurse, Firmenfeiern. Alles Dinge übrigens, die beispielsweise bei Kustermann oder beim Beck in München schon lange passieren.

