Ein halbes Jahr lang hat Sandra Kus Anfragen an Unternehmen geschickt.In vierstelliger Zahl, erzählt sie. Gemeldet haben sich 20. Dabei sind noch acht. Sie forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF). Für eine Studie hat sie kleine und mittlere Unternehmen gesucht, die unter ihrer Anleitung im Arbeitsalltag kleine BGF-Aktionen einbauen: Gesprächsrunden, Rückentraining, Konfliktmanagement – das macht sie je nach Bedarf.
In vergangenen Projekten hat sie „sehr positive Entwicklungen“ verzeichnet. Warum machen also nur wenige Betriebe mit? „In der aktuellen wirtschaftlichen Lage kann man sich dem Thema Gesundheit nicht so widmen, wie es eigentlich sein sollte“, sagt Kus.
Psychisch Erkrankte fallen sechs Wochen aus
Jüngsten Erhebungen zufolge hat sich die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen seit 2014 verdoppelt. Wenn sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgrund psychischer Probleme krankschreiben lassen, fallen sie durchschnittlich sechs Wochen aus. In Bayern waren Beschäftigte 2025 im Schnitt 17,2 Tage krankgeschrieben – gute drei Wochen.
„Mentale Gesundheit ist nichts, was Sie an der Eingangstür zurücklassen“
Projektleiterin Jana Vogel will die heute testen: Am Vorabend hat sie ein Seminar für 450 Mitarbeitende gehalten. Ein Projekt, nach dem Stress abfällt, und trotzdem war die Nacht kurz: „Das liegt an meinem Schlafproblem“, sagt Jana Vogel. Helfen will ihr nun ein Employee Assistance Program, kurz EAP. Der Anbieter Kyan Health (externer Link) wirbt mit dem Slogan: „Weniger Fehlzeiten, mehr Zufriedenheit“. Vogel hat über die App einen Termin mit einer Psychotherapeutin vereinbart – per Videocall aus der TÜV Süd Zentrale in München.
Ein Programm, das Gesundheitsmanagerin Sabine Foellbach ins Leben gerufen hat. „Die mentale Gesundheit, das ist nichts, was Sie an der Eingangstür zum Arbeitgeber zurücklassen“, sagt Foellbach und betont, alle Daten würden vertraulich behandelt: „Wir wissen nichts, worüber Sie sprechen, wir wissen auch nicht, wer das ist, das ist alles komplett vertraulich.“
Gesundheitsprogramme steigern Arbeitgeberattraktivität
Nur kann sich nicht jedes Unternehmen eine Gesundheitsmanagerin leisten. Niederschwellige Angebote sind daher wichtig, sagt Sandra Kus von der LMU. Die Ziele der kleinen und mittleren Betriebe liegen nicht nur in der Mitarbeitergesundheit, sondern auch darin, „dass sie die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden erhöhen, ein Zeichen für die Wertschätzung geben und auch ihre Arbeitgeberattraktivität steigern“, sagt Kus.
Dabei können sich die Belastungen von Branche zu Branche unterscheiden. „Nachweislich häufiger krank macht Menschen manuelle Arbeit“, sagt ein Sprecher der IG Metall Bayern und fordert deshalb, Führungskräfte müssten sich besser im Bereich Gesundheit qualifizieren.
Betriebliche Gesundheit in der App: Funktioniert das?
Beim TÜV Süd ist die betriebliche Gesundheit zur App-Sache geworden: Neben Webinaren für Führungskräfte und einem Chatbot kann Jana Vogel nun mit einer Therapeutin über ihre Schlafprobleme sprechen. Drei Mal 50 Minuten zahlt das Unternehmen.
Per Videocall erzählt Jana von ihrem Alltag: Ein Hund, zwei Teenager, selten pünktlich Feierabend. Die Therapeutin gibt Tipps– Meditation, natürlich auch in der App, keine Uhr neben dem Bett – ein paar Veränderungen soll Jana Vogel gleich vornehmen. Janas Fazit nach dem Gespräch: „Wirklich gut. Ich bleib auf jeden Fall mit ihr in Kontakt“, sagt Jana. Nach drei Sitzungen zeigt sich, ob sich der Slogan dann wirklich schon erfüllt: „Weniger Fehlzeiten, mehr Zufriedenheit“.

