In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und etwa die Hälfte der Frauen übergewichtig. Knapp ein Viertel davon ist adipös – krankhaft übergewichtig, so die Deutsche Adipositas Gesellschaft (externer Link).
Viele Betroffene werden oft vorschnell als undiszipliniert oder willensschwach abgestempelt. „Niemand würde bei Diabetes sagen: ‚Reiß dich einfach zusammen!‘, doch genau diese Haltung ist bei Adipositas noch weit verbreitet“, erklärt die Endokrinologin und Forscherin Ruth Hanssen. Dieses Stigma belastet psychisch und erschwert es, Hilfe zu suchen – auch im Gesundheitssystem begegnen Betroffene häufig Vorurteilen.
Adipositas als komplexe Erkrankung
International gilt Adipositas als vielschichtige, langfristige Erkrankung. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Genen, Hormonen, Stoffwechsel, Umwelt und dem Gehirn. Forschung zeigt, dass bei starkem Übergewicht die Hunger- und Sättigungsregulation im Gehirn verändert sein kann, wie eine Tübinger Studie (externer Link) zeigt. Falsche Essgewohnheiten können zu Veränderungen in den neuronalen Netzwerken führen. Energiedichte Lebensmittel aktivieren das Belohnungssystem, während Sättigungssignale abgeschwächt werden. Hinzu kommt, dass das Essverhalten stark von sozialen und emotionalen Faktoren beeinflusst wird und Menschen unterschiedlich auf Nahrung, Stress oder Diäten reagieren.
Vom Labor in die Klinik: Einsichten ins Essverhalten
Hanssen forscht am Max-Planck-Institut für Stoffwechsel, um Medikamente zu entwickeln, die krankhaftes Übergewicht behandeln. Sie untersucht, warum Fett und Zucker unser Gehirn langfristig verändern, warum ungesunde Essgewohnheiten schwer zu durchbrechen sind und wie Adipositas effektiv behandelt werden kann. Auch in der Klinik erlebt sie eindrückliche Momente: Ein Patient mit rund 180 Kilogramm berichtete, er esse morgens zwei Brötchen, mittags ein Schnitzel und abends „zwei Brote“. Erst später wurde klar: Zwei ganze Laibe waren gemeint. „Für mich war das ein echter Aha-Moment“, sagt Hanssen im Podcast Science TeaTime (externer Link).
Gene, Umwelt und Selbstbelohnung beim Essen
Ob und wann Übergewicht entsteht, hängt von genetischen Faktoren und der Umgebung ab. Wer in einer Welt lebt, in der energiedichte Lebensmittel ständig verfügbar sind, hat ein höheres Risiko, Gewicht zuzulegen. Dazu kommt der tägliche Selbstbelohnungsdrang: Abends steigt die Versuchung, sich mit Snacks für die Mühen des Tages zu belohnen. Studien zeigen, dass Menschen so ihr Belohnungssystem im Gehirn selbst konditionieren.

