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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Adipositas: Warum Übergewicht im Kopf beginnt
Wissen

Adipositas: Warum Übergewicht im Kopf beginnt

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 4. März 2026 11:50
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und etwa die Hälfte der Frauen übergewichtig. Knapp ein Viertel davon ist adipös – krankhaft übergewichtig, so die Deutsche Adipositas Gesellschaft (externer Link).

Inhaltsübersicht
Adipositas als komplexe ErkrankungVom Labor in die Klinik: Einsichten ins EssverhaltenGene, Umwelt und Selbstbelohnung beim EssenFett, Zucker und das Belohnungssystem im GehirnInsulin und Insulinresistenz bei AdipositasAdipositas: Körperliche und neuronale Erkrankung

Viele Betroffene werden oft vorschnell als undiszipliniert oder willensschwach abgestempelt. „Niemand würde bei Diabetes sagen: ‚Reiß dich einfach zusammen!‘, doch genau diese Haltung ist bei Adipositas noch weit verbreitet“, erklärt die Endokrinologin und Forscherin Ruth Hanßen. Dieses Stigma belastet psychisch und erschwert es, Hilfe zu suchen – auch im Gesundheitssystem begegnen Betroffene häufig Vorurteilen.

Adipositas als komplexe Erkrankung

International gilt Adipositas als vielschichtige, langfristige Erkrankung. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Genen, Hormonen, Stoffwechsel, Umwelt und dem Gehirn. Forschung zeigt, dass bei starkem Übergewicht die Hunger- und Sättigungsregulation im Gehirn verändert sein kann, wie eine Tübinger Studie (externer Link) zeigt. Falsche Essgewohnheiten können zu Veränderungen in den neuronalen Netzwerken führen.

Energiedichte Lebensmittel aktivieren das Belohnungssystem, während Sättigungssignale abgeschwächt werden. Hinzu kommt, dass das Essverhalten stark von sozialen und emotionalen Faktoren beeinflusst wird und Menschen unterschiedlich auf Nahrung, Stress oder Diäten reagieren.

Vom Labor in die Klinik: Einsichten ins Essverhalten

Hanßen forscht am Max-Planck-Institut für Stoffwechsel, um Medikamente zu entwickeln, die krankhaftes Übergewicht behandeln. Sie untersucht, warum Fett und Zucker unser Gehirn langfristig verändern, warum ungesunde Essgewohnheiten schwer zu durchbrechen sind und wie Adipositas effektiv behandelt werden kann.

Auch in der Klinik erlebt sie eindrückliche Momente: Ein Patient mit rund 180 Kilogramm berichtete, er esse morgens zwei Brötchen, mittags ein Schnitzel und abends „zwei Brote“. Erst später wurde klar: Zwei ganze Laibe waren gemeint. „Für mich war das ein echter Aha-Moment“, sagt Hanssen im Podcast Science TeaTime (externer Link).

Gene, Umwelt und Selbstbelohnung beim Essen

Ob und wann Übergewicht entsteht, hängt von genetischen Faktoren und der Umgebung ab. Wer in einer Welt lebt, in der energiedichte Lebensmittel ständig verfügbar sind, hat ein höheres Risiko, Gewicht zuzulegen.

Dazu kommt der tägliche Selbstbelohnungsdrang: Abends steigt die Versuchung, sich mit Snacks für die Mühen des Tages zu belohnen. Studien zeigen, dass Menschen so ihr Belohnungssystem im Gehirn selbst konditionieren.

Fett, Zucker und das Belohnungssystem im Gehirn

Die allabendliche Belohnung mit kalorienreichen Lebensmitteln lässt nicht nur das Gewicht steigen, sondern wirkt auch auf das Belohnungssystem im Gehirn. In einer Studie (externer Link) wurden Teilnehmer über mehrere Wochen mit fettreichen, zuckerhaltigen Lebensmitteln versorgt; die Kontrollgruppe erhielt die gleiche Kalorienmenge mit weniger Fett und Zucker. Nach acht Wochen zeigten sich messbare Veränderungen im Belohnungssystem: Die Teilnehmer entwickelten eine stärkere Vorliebe für hochkalorische, ungesunde Lebensmittel. Auf diese Weise konditionieren wir uns selbst, was wir essen.

Fett und Zucker wirken dabei besonders stark: Sie aktivieren unterschiedliche Signalwege vom Darm ins Gehirn, deren Effekte sich im Belohnungszentrum addieren. Das erklärt, warum viele Menschen diese Kombination besonders attraktiv finden – und warum sie langfristig problematisch ist.

Insulin und Insulinresistenz bei Adipositas

Insulin ist nicht nur für die Blutzuckerregulation wichtig, sondern wirkt auch im Gehirn. Dort beeinflusst es Entscheidungs- und Belohnungsprozesse sowie die Appetitkontrolle. Eine Insulinresistenz entsteht, wenn die Körperzellen zunehmend unempfindlich auf Insulin reagieren. Häufige Ursachen sind langfristig zu viele Kalorien, besonders aus Zucker und Fett, Übergewicht und Bewegungsmangel. Um den Blutzucker zu kontrollieren, produziert der Körper dann immer mehr Insulin – auf Dauer wirkt das Hormon jedoch weniger effektiv, nicht nur in Muskeln und Leber, sondern auch im Gehirn.

Bei einer Insulinresistenz funktioniert das System im Gehirn nicht mehr richtig: Menschen mit Übergewicht strengen sich für eine Belohnung immer gleich stark an, egal ob sie hungrig oder satt sind. Das erschwert die flexible Steuerung des Essverhaltens und trägt dazu bei, dass Essgewohnheiten schwer zu ändern sind.

Adipositas: Körperliche und neuronale Erkrankung

Adipositas betrifft nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn. Da sie Ursachen so vielfältig sind, umfasst die Behandlung mehrere Bausteine: Ernährungsberatung, Bewegung, Verhaltenstraining, Medikamente und in einigen Fällen operative Eingriffe.

Für Hanssen ist klar: Adipositas ist nicht einfach eine Frage von Disziplin – sie ist eine komplexe, chronische Erkrankung, bei der das Gehirn eine zentrale Rolle spielt.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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