Der garantierte Anspruch auf Betreuung gilt ab dem Schuljahr 2026/2027 für acht Stunden an Schultagen, darüber hinaus auch für eine Ferienbetreuung. Zunächst für Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse, ab 2029 dann für alle Grundschulkinder. Bei Nichterfüllung können die Eltern den Verdienstausfall bei der Kommune sogar einklagen. Doch immer noch wissen viele Schulen in Bayern nicht, wie sie den Anspruch umsetzen können.
Es fehlen 100.000 Betreuungsplätze
Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter Schulleitungen kann jede vierte Grundschule in Deutschland nicht ausreichend Ganztagsplätze für die Erstklässler anbieten; auch in Bayern fehlen tausende Plätze. Genaue Zahlen für die erste Klasse gibt es nicht. Aber für die Grundschulen insgesamt: Hier geht das Institut der Deutschen Wirtschaft für Bayern von 100.000 fehlenden Ganztags-Betreuungsplätzen aus (externer Link).
Um den gesetzlichen Anspruch zu erfüllen, befürchtet Florian Eschstruth vom Bayerischen Elternverband (externer Link), dass das vorhandene Grundschulpersonal in die ersten Klassen geschickt wird, um Klagen zu vermeiden. So ein „Verschiebebahnhof“ sei aber nicht zielführend.
Quantität vor Qualität?
Da der Rechtsanspruch nur die Betreuung garantiert, aber nicht einen Anspruch auf Bildung, befürchtet der Elternverband zudem, dass viele Schulen auf einfache Angebote setzen – wie etwa die Mittagsbetreuung. Das sei oft zu wenig, meint auch Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband. Sie sieht im Ganztag eigentlich eine große Chance auf mehr Bildungsgerechtigkeit. Doch das funktioniere nur mit guten Angeboten und ausreichend Personal. Für einige Kinder sei es absolut ausreichend, einen Platz zum Essen und zum Spielen zu haben. Andere dagegen hätten dringenden Förderbedarf. Für die müsse es konkrete Hilfestellung und Bildungsangebote geben.
Gebundene Ganztagsschule als Chance
Ein Beispiel für ein Ganztags-Bildungskonzept ist die Grundschule Berg am Laim (externer Link) im Osten Münchens. Hier gehen 600 Kinder aus 80 Nationen zur Schule. Die allermeisten werden ganztägig betreut. Im ersten Stock der Schule ist das Lernhaus der Ganztagsklassen In der Mitte ist ein großer, offener Bereich mit Tischen und Rückzugsecken, wo die Kinder außerhalb der Klassenzimmer lernen und chillen können. Die Schule wurde schon vor zehn Jahren mit einem Ganztagszweig ausgebaut. Hier einen Platz mit Ganztagsbetreuung zu bekommen, sei schon seit Jahren selbstverständlich, sagt Schulleiter Michael Hoderlein.
Zusätzlich zum klassischen Unterricht gibt es Deutsch-Förderkurse, Angebote zu Kunst, Sport, Basketball, Chor, Orchester. Der sogenannte „gebundene Ganztag“ verbessert den Lernerfolg und das soziale Miteinander. Intensive Lernphasen stehen in ständigem Wechsel mit musischen, sportlichen und künstlerischen Arbeitsphasen. Bei Bedarf gibt es Einzelförderung und psychologische Unterstützung.
Fördermittel ungenutzt
Solche Angebote sind jedoch die Ausnahme und nicht die Regel. Tatsächlich ist der Ausbaustand der Ganztagsbildung in den bayerischen Kommunen sehr unterschiedlich. Während in München der Ausbau der Grundschulen zu Ganztagsschulen sehr weit fortgeschritten ist, gibt es in anderen Städten und Gemeinden große Defizite. Es fehlt vor allem an Platz und Fachpersonal. Florian Eschstruth vom Bayerischen Elternverband beklagt, viele Städte und Gemeinden hätten das Problem ignoriert. Die Staatsregierung verweist auf Anfrage auf die Zuständigkeit der Kommunen. Die Kommunen wiederum beklagen ihren Geldmangel. Fakt ist: Bislang wurde nur ein Bruchteil der Fördermittel genutzt (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt).
Die Zeit drängt
Es bleibt zu hoffen, dass sich Schulen, Kommunen und Staatsregierung auf einen gemeinsamen Weg einigen können, damit es in Zukunft mehr Schulen gibt wie die Grundschule in Berg am Laim mit ausreichend Platz und Personal. Denn die Zeit drängt: Bis eine „normale“ Schule zur „idealen“ Ganztagsschule wird, vergehen mindestens zehn Jahre.

