Künstliche Intelligenz kann die Arbeitslast deutlich reduzieren, indem sie Mitarbeitern zum Beispiel einfache Routinearbeiten abnimmt. Dann bleibt mehr Zeit für die Kernaufgaben und den kreativen Arbeitsprozess. Viele Unternehmen versprechen sich durch den Einsatz von KI-Tools mehr Effizienz. Doch laut einer jüngst veröffentlichten Studie aus Kalifornien [externer Link] passiert oft das Gegenteil: Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz reduziert nicht die Arbeit – sie intensiviert sie.
Beim Verwenden von KI: Mitarbeiter arbeiten schneller und länger
Die beiden Wissenschaftlerinnen Aruna Ranganathan und Xinqi Maggi Ye von der Haas School of Business der kalifornischen Universität Berkeley haben acht Monate lang 200 Mitarbeiter einer US-Technologiefirma begleitet.
Das Ergebnis: Nach Einführung der KI-Tools arbeiteten die Angestellten schneller und länger, teils in den Pausen und in ihrer Freizeit. Sie übernahmen auch neue Aufgabenfelder – und das nicht etwa, weil es von ihnen verlangt wurde.
Übernehmen KI-Tools einfache Routine-Verwaltungsaufgaben, bleibt den Mitarbeitern mehr Zeit für anspruchsvollere, kreative und damit „wertvollere“ Tätigkeiten. Zusammen mit der oft spielerisch einfachen Bedienung der KI-Instrumente kann sich jedoch eine neue Eigendynamik am Arbeitsplatz entwickeln: schnell noch eine neue Aufgabe an die KI schicken, während man sich gleichzeitig noch um etwas anderes kümmert. Die gefühlte gesteigerte Produktivität kann sich dann mehr und mehr in die Pausen oder in die Freizeit verlagern.
Mehr anspruchsvollere Aufgaben können zu Erschöpfung und Burnout führen
Dieses Muster führt allerdings langfristig nicht zu einer besseren Arbeitsleistung, sondern kann laut der Wissenschaftlerinnen in Zuständen geistiger Erschöpfung und Burnout enden. Das wiederum schlägt sich in schlechteren Arbeitsergebnissen und sogar Erkrankungen der Arbeitnehmer nieder.
Diesen gefährlichen Prozess kennt auch der Arbeitspsychologe Florian Schweden vom Institut für Arbeitsgestaltung und Organisationsentwicklung in Hamburg. Er untersucht im Auftrag von Firmen die Auswirkungen von Veränderungen am Arbeitsplatz auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter.
Seinen Beobachtungen nach setzen sich Mitarbeiter oft selber unter Druck, wenn sie plötzlich mehr anspruchsvollere Aufgaben erledigen müssen: „Der Zeitanteil, den ich jetzt habe, die schwierigen dicken Bretter als Mensch zu lösen, wird größer. Ich muss aber jetzt genauso viel leisten wie vorher, und das heißt, dass die Menschen anfangen, intensiver zu arbeiten, schneller zu arbeiten.“
Mithilfe von KI werden Grenzen eigener Kompetenz überschritten
Laut der Berkeley-Studie verleiteten die KI-Werkzeuge einige Mitarbeiter auch dazu, die eigenen Kompetenzen zu überschreiten. So haben die US-Forscherinnen festgestellt, dass etwa Manager und Produktdesigner anfingen, mithilfe von KI Computerprogramme zu erstellen, anstatt diese Arbeit den dafür zuständigen Fachkräften zu überlassen.
Doch das führte nicht zu einer gesteigerten Effizienz: Am Ende mussten die Programmierer die durch ihre fachfremden Kollegen erstellten Programme mühsam überprüfen und korrigieren.
„Robomobbing“: KI am Arbeitsplatz boykottieren
Doch die KI kann laut Florian Schweden auch dann Druck auf die Arbeitnehmer ausüben, wenn sie nicht als helfender Partner, sondern als Konkurrent wahrgenommen wird, die den eigenen Arbeitsplatz bedroht.
In einer seiner Untersuchungen mündete die Angst der Mitarbeiter, durch KI ersetzt zu werden, sogar in einem Fall von „Robomobbing“: So haben Angestellte eines Logistikunternehmens den selbstfahrenden Robotern Holzpaletten in den Weg gelegt, damit diese nicht so effizient arbeiten. Damit wollten sie zeigen, „dass der Mensch, der irgendwo drübersteigen kann, noch gebraucht wird“.
Unternehmen sollten Aufgaben von Mensch und Maschine klar trennen
Verteufeln möchte der Arbeitspsychologe Florian Schweden den KI-Einsatz allerdings nicht. Für ihn ist es wichtig, dass Unternehmen zusammen mit ihren Mitarbeitern vor der Einführung von KI-Tools klar die Rollen von Mensch und Maschine verteilen.
Die Wissenschaftlerinnen aus Berkeley appellieren dafür, bei der Einführung von KI nicht die Kontrolle über die Folgen abzugeben: Unternehmen müssten sich fragen, ob sie selbst die Veränderungen durch KI gestalten wollen – oder diese Gestaltung stillschweigend der KI überlassen.

