Viel hilft viel. Das mag oft stimmen, nicht jedoch, wenn es um Schule geht. In den vergangenen rund 15 Jahren ist zu den ohnehin schon vollen Lehrplänen etliches dazugekommen: Integration von Kindern in Deutschklassen, Verfassungsviertelstunden, Alltagskompetenz- und Medienkonzepte, Inklusionsprogramme, der „Tag des Handwerks“ – und auf Klassenfahrt soll es auch regelmäßig gehen. Weggefallen ist allerdings nichts und zusätzliches Personal für das Mehr an Aufgaben gibt es auch nicht. Einen Ausweg bietet die Idee der „De-Implementierung“. Das bedeutet: Aufgaben, die nur geringen oder gar keinen nachweisbaren Nutzen haben, werden systematisch reduziert oder ganz gestrichen.
Mehr Mut zur Lücke
„Man macht das eine und kann das andere nicht lassen“, kritisiert Ina Hesse. Sie ist Hauptpersonalrätin beim bayerischen Kultusministerium und wünscht sich, dass man hier endlich reagiert und Lehrerinnen und Lehrer sinnhaft entlastet.
Nicht wie 2022: Damals gab es ein Maßnahmenpaket von der Kultusministerkonferenz. Lehrkräftemangel und Mehrbelastungen wollte man da vor allem mit Stressbewältigungsseminaren und Achtsamkeitstrainings auffangen. Diese lösen das Problem von Zuviel-ist-einfach-Zuviel aber nicht, sagt Hesse. Sie schlägt vor, den Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand herunterzuschrauben oder in Gymnasien und Realschulen auf einen großen Leistungsnachweis pro Klassenstufe zu verzichten. Damit fielen auch aufwendige Nachschrifttermine weg.
Die Stegreifaufgaben gleich mit zu streichen, rät Gabriele Triebel. Die Grünenpolitikerin ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Kultus im Bayerischen Landtag. Sie plädiert grundsätzlich für einen Systemwandel hin zu mehr Entscheidungsfreiheiten für Schulleitungen und wünscht sich, „dass dazu viel mehr Serviceleistungen vom Kultusministerium kommen, um die Schulen in ihrer speziellen Entwicklung vorwärtsbringen zu können“. Das Kultusministerium wäre demnach also beratendes Organ, das Schulleitungen hilft, den Unterricht an die jeweiligen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler und an die Ressourcen vor Ort anzupassen.
Mehr Bildungskultur statt Bildungspolitik
Auf die jeweiligen Schulen zugeschnittene Konzepte, bei denen in Zukunft nicht alle überall das gleiche umsetzen und anbieten müssen: Dafür brauche es eine gewisse Gelassenheit auf sämtlichen Ebenen, meint Tanja Schorer-Dremel. Die Vizefraktionsvorsitzende der CSU im Landtag rät, auch die Eltern mit ins Boot zu holen: „Denn sonst kommt der nächste und sagt: Ja, aber, wo ist die Vergleichbarkeit, wo ist die Gerechtigkeit?“ Die ehemalige Grundschullehrerin und Schulleiterin Schorer-Dremel plädiert grundlegend für eine neue Ausrichtung der Bildungspolitik hin zu einer Bildungskultur.
Erstmal entbürokratisieren
Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) ist grundsätzlich für mehr Freiheit der Schulleitungen, allerdings in Grenzen: „Der Trend geht ganz klar dahin, dass wir möglichst viel vor Ort entscheiden lassen, aber ein bisschen zentrale Steuerung brauchen wir schon. Die Lösung ist Eigenständigkeit mit Leitplanken.“
Bei der Erarbeitung dieser „Leitplanken“ bezieht das Kultusministerium Eltern, Lehrkräfte, Schulleiter, Schülerinnen und Schüler mit ein. Derweil setzt man vor allem auf den Ausbau von KI und in großem Umfang auf Entbürokratisierung. Unnötige Abstimmungsschleifen oder Dokumentationspflichten sollen wegfallen, die Kommunikation zwischen Schulen und Ministerium erleichtert werden.
Schulleiter: „Warum geht das denn nicht schneller?“
Auf der Ebene der Schulen sei jedoch in Sachen Man-kann-auch-mal-was-lassen bislang noch nicht viel Konkretes angekommen, urteilt Schulleiter Volker Täufer vom Gymnasium Königsbrunn bei Augsburg. Er fragt denn auch: „Warum geht denn da nichts, warum geht das denn nicht schneller? Es ist doch nicht so wahnsinnig kompliziert. Wo liegt die Angst, wo liegt die Sorge, brechen da Dämme?“
Erziehungswissenschaftliche Studien zeigen: Kleinteilige Korrekturen von Übungsaufsätzen bringen Schülerinnen und Schüler kaum voran. Das könnte man also lassen [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt]. Einmalige Fortbildungen – ein Halbtagsworkshop zum Thema XYZ – macht Lehrende nicht kompetenter und bringt der Klasse nichts [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt]. Auch hier wäre also Streichpotenzial. Unter dem Strich am wichtigsten wäre aber die bildungspolitische Einsicht: Manchmal ist weniger auch einfach mehr.

