Georg Nagel sitzt auf einer Terrasse in einem kleinen italienischen Dorf, als ihn der Anruf erreicht. „Ich wurde schon vorgewarnt von meinem ehemaligen Studenten und jetzigen Kollegen am physiologischen Institut. Der hat mir erzählt, er hätte einen Anruf aus Stockholm bekommen, dass die meine Handynummer wollten“, sagt Nagel. Am Apparat: das Nobelkomitee.
Für die Entdeckungen zur Optogenetik sollen dem Würzburger Professor gemeinsam mit zwei anderen Forschern der Nobelpreis für Medizin verliehen werden. „Es ist schon ein schönes Gefühl, also auch ein bisschen unglaublich. Ich hab nicht wirklich damit gerechnet“, verrät der Wissenschaftler BR24. Vor allem im Bereich Medizin werde der Preis meistens vergeben, so Nagel, wenn das Thema medizinisch wirklich hohe Relevanz habe. Das sehe er im Moment bei der Optogenetik noch nicht, „aber offensichtlich wird es so eingeschätzt, dass das durchaus noch kommt.“
Ein Kanal mit Lichtschalter
Während seiner Zeit im Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt war es Nagel gelungen, das Eiweißmolekül aus einer Alge zu charakterisieren: Ein Ionenkanal, der sich je nach Lichteinfall öffnet oder schließt. Mit diesem Mechanismus ist die Alge in der Lage, eine Lichtquelle zu erkennen und sich auf sie zuzubewegen. Die Idee: den Mechanismus als Werkzeug zu nutzen und Nervenzellen gezielt ein- und ausschalten zu können. „Und nachdem wir das publiziert haben, haben das sehr viele Leute benutzt“, so Nagel. Auch er forschte daran weiter.
Kollege war sich Tragweite der Entdeckung bewusst
Mit seinem Kollegen Alexander Gottschalk, heute Professor für Neurobiologie und Zellbiologie am Institut für biophysikalische Chemie an der Goethe-Universität in Frankfurt, baut er das Protein in die Nervenzellen von Fadenwürmern ein. So wollen die Forscher erstmals Nervenzellen über Lichtimpulse steuern können. Einige Versuche später gelingt es ihnen schließlich. Gottschalk erinnert sich: „Der hat tatsächlich im Kulturschälchen gezuckt, wenn man Licht anschaltet, und dann war klar: Oh, das funktioniert!“ Als Gottschalk das sieht, ist ihm die Tragweite bewusst: „Es war schon ein bisschen klar, dass das sehr weit gehen könnte. Also tatsächlich ja, bis zum Nobelpreis, denn solche Entdeckungen werden halt nicht alle Tage gemacht.“
Werkzeug bei Bekämpfung von Nervenkrankheiten?
Die Optogenetik hat sich seither weiterentwickelt – auch in Säugetieren haben Forschende den „Lichtschalter“ erfolgreich getestet. Schnurrhaare von Ratten ließen sich per Lichtsignal über manipulierte Nervenzellen im Hirn steuern. Und auch in der Medizin konnte der erste Patient ein Stück seines Sehvermögens zurückgewinnen. „Es wird schon spekuliert, dass das auch für viele Nervenkrankheiten letztlich irgendwann hilfreich sein kann,“ so Nagel.
Nobelpreis nach ausgebliebenem Exzellenzstatus
Bayerns Wissenschaftsminister Blume zeigt sich nach dem Rückschlag des ausgebliebenen Exzellenzstatus für die Universität Würzburg erfreut über die Auszeichnung des Professors. „Trauer und unglaublicher Freudentaumel liegen immer eng beieinander und wenn das eine nicht klappt und die eine Tür zugeht, dann geht woanders wieder die nächste Türe auf.“ Professor Nagel habe er zuvor telefonisch gratuliert, so Blume.
An der Universität Würzburg hat sich Nagel immer wohlgefühlt. „Es ist schon ein guter Ort und die Universität hat mich gut aufgenommen.“ Auch er zeigte sich über den ausgebliebenen Exzellenzstatus enttäuscht. Zum Einfluss der Stadt auf seine Forschung scherzt Nagel: „Es liegt sicher nicht am Würzburger Wein, aber könnte ja, wenn man nicht zu weit ins Glas schaut.“ In Neapel hat er aber zunächst mit der Familie mit Sekt angestoßen – bevor es dann in zehn Tagen zurück nach Würzburg geht.

