Noch am gestrigen Morgen war man bei Isar Aerospace zuversichtlich: Die Wetter- und Windprognosen deuteten darauf hin, dass am Abend und damit für das Startfenster der Spectrum-Rakete am Weltraumbahnhof im Norden Norwegens ideale Bedingungen herrschen würden.
Knapp eine Stunde vor dem geplanten Start dann die Ernüchterung: In einer dürren Pressemitteilung erklärte Isar Aerospace, der bereits mehrfach verschobene Teststart müsse noch einmal verlegt werden. Grund war diesmal kein Fischkutter in der abgesperrten Sicherheitszone wie noch im März, sondern ein Leck in einem Druckbehälter.
Mitgründer und Unternehmenschef Daniel Metzler gab sich dabei betont zuversichtlich. Der Manager zeigte sich überzeugt, dass es trotz aller bisherigen Rückschläge gelingen werde, die Umlaufbahn zu erreichen. Absagen seien eben ein Teil der Raumfahrtindustrie. Und auch jeder gescheiterte Versuch bringe seinem Team wertvolle Erfahrungen und schule Isar Aerospace auf dem Weg in den Orbit.
Raketen von der Stange für Europas Souveränität
Auch in Berlin und in Brüssel dürfte man die – vorerst vergeblichen – Startbemühungen mit großem Interesse verfolgt haben. Die knapp 30 Meter hohen Raketen von Isar Aerospace gelten der deutschen und europäischen Politik als wichtiger Baustein für mehr Souveränität und Unabhängigkeit von den USA. Allein die Bundeswehr will innerhalb weniger Jahre 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte ausgeben.
Raketen wie die Spectrum von Isar Aerospace sollen dabei helfen, Hunderte oder sogar Tausende von europäischen Satelliten ins All zu bringen, um zum Beispiel eigene sichere Netzwerke für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung nach dem Vorbild des US-Systems Starlink aufzubauen.
Isar Aerospace und seine Wettbewerber setzen dabei auf eine vergleichsweise kostengünstige Herstellung ihrer Raketen in einer Art Fließbandverfahren. Allerdings steht bisher noch ein erfolgreich vollendeter Testflug und damit der Beweis aus, dass die junge Firma ihre großen Versprechen tatsächlich halten kann.
Milliardenmarkt Raumfahrt – Bayern als europäisches Zentrum
Während viele Unternehmen aus klassischen deutschen Industriebranchen wie Automobil, Maschinenbau und Chemie zuletzt in der Krise steckten, wächst der Luft- und Raumfahrtsektor rasant. Vor allem für das Space-Geschäft werden für die kommenden Jahre atemberaubende Zuwächse prognostiziert. So geht die Unternehmensberatung Roland Berger (externer Link) davon aus, dass der globale Weltraummarkt auf mittlere Sicht im Durchschnitt um jährlich mehr als 9 Prozent wachsen wird.
Bis zum Jahr 2040 soll der jährliche Umsatz rund 2 Billionen Euro erreichen. Eine wichtige Rolle könnte dabei Bayern spielen. Nach Einschätzung von Josef Aschbacher, dem Chef der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, hat sich der Freistaat in den vergangenen Jahren zu einem in Europa führenden Standort entwickelt, in dem Forschung und Space-Wirtschaft eng zusammenarbeiten. Aschbacher verweist auch immer wieder darauf, dass sich staatliche Gelder für die Raumfahrt lohnen. Jeder investierte Euro generiere demnach 5 bis 10 Euro Umsatz in der Wirtschaft.
Rocket Factory Augsburg als bayerischer Wettbewerber
Isar Aerospace ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, das derzeit an einer Rakete „Made in Germany“ arbeitet. Mit im Rennen um milliardenschwere Transportaufträge für Satelliten ist unter anderem die Rocket Factory Augsburg (RFA) und damit ein bayerischer Wettbewerber. Hinter der 2018 gegründeten Firma steht der Bremer Raumfahrtkonzern OHB, der in Bayern außerdem noch in Oberpfaffenhofen und über die Tochter MT Aerospace in Augsburg präsent ist.
Die RFA ONE soll in diesem Sommer erstmals starten.
Mit Kerzenwachs ins All
Einen eigenwilligen technologischen Ansatz verfolgt das dritte deutsche Raketen-Startup, HyImpulse aus Neuenstadt am Kocher (Baden-Württemberg). Die Firma, die von früheren Ingenieuren des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegründet wurde verwendet einen besonderen Antrieb: Statt flüssiger Treibstoffe, wie sie in den meisten anderen Raketen zum Einsatz kommen verbrennt HyImpulse Paraffin, also eine Art Kerzenwachs in einer Verbindung mit flüssigem Sauerstoff. Das ermöglicht es der Firma nach eigenen Angaben, auf viele Bauteile wie Pumpen zu verzichten. Auch die Kühlung werde dadurch vereinfacht.
Noch in diesem Sommer ist der zweite Flug einer Testrakete geplant. Das eigentliche Serienmodell namens SL1 soll im kommenden Jahr erstmals abheben.

