Das bunte Bilderfeuerwerk, das insbesondere Kurzvideos in schneller Folge hintereinander abfeuern, belastet jugendliche Gehirne. Auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube gibt es Clips, die oft nur ein paar Sekunden lang sind. Australische Forschende haben nun in einer Überblicksstudie 71 Einzelstudien dazu mit insgesamt 98.299 Teilnehmenden zusammengetragen und ausgewertet. Ihre Ergebnisse wurden im September 2025 im Fachjournal „Psychological Bulletin“ publiziert.
Social Media kann kognitive Fähigkeiten junger Menschen mindern
Im Schnitt waren die Probanden der australischen Meta-Studie 23 Jahre alt. Der deutlichste Effekt der Kurzvideos zeigt sich im kognitiven Bereich und da vor allem im Bereich Aufmerksamkeit. Das heißt, jungen Menschen, die viele Kurzvideos konsumieren, fällt es schwerer, sich einer bestimmten Aufgabe zu widmen – etwa dem konzentrieren Lesen eines Textes. Auch die Fähigkeit, knifflige Fragen Schritt für Schritt zu lösen, nimmt ab. Die Erstautorin der Studie, die Psychologin Lan Nguyen von der Griffith University in Australien, sagt: „Dieser Prozess kann die kognitive Ausdauer allmählich verringern und die Fähigkeit des Gehirns schwächen, die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Aufgabe zu richten.“
Das Gehirn gerät in der bunten Bilderwelt in eine Art Rauschzustand, weil Dopamine, also Glückhormone, ausgeschüttet werden. Wer selbst etwas postet, bekommt manchmal überraschende Likes. Das heißt, andere klicken das Video und verteilen einen Daumen nach oben. Das ist ein Moment der Freude und das Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert. Nutzer wollen mehr von diesem guten Gefühl und legen das Handy nicht mehr weg.
Jugendliches Gehirn folgt spontanen Impulsen
Erwachsene können die Apps meist wieder verlassen, weil ihr Gehirn nicht mehr so stark impulsgesteuert ist. Jugendlichen aber fällt es schwer zu widerstehen. Das liegt am präfrontalen Kortex, wo unser Bewusstsein sitzt, das unter anderem Impulse kontrolliert. Erst im Alter von Mitte 20 ist er vollständig ausgebildet. Bis dahin handeln Kinder und Jugendliche eher nach dem Lustprinzip. Der Biologe Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig: „Das jugendliche Gehirn wird während der Pubertät zu einer großen Baustelle. Es fällt deshalb schwer, kurzfristigen Belohnungen zu widerstehen.“
Das jugendliche Gehirn, das nach dem Belohnungs-Kick sucht, ist deshalb auch besonders anfällig für jegliche Art von Drogen. Bisher hat die WHO nur die Spielsucht, die „Gaming Disorder“, als Diagnose anerkannt. Im Bereich Social Media gibt es diese Anerkennung als Sucht noch nicht. Allerdings prüft die EU-Kommission, ob TikTok über ein „süchtig machendes Design“ verfügt und deshalb gegen EU-Gesetz verstößt.
Social Media bindet Nutzer trickreich an Apps
Der Biologe Martin Korte vergleicht den Botenstoff Dopamin mit Opiaten wie Kokain oder Morphium. Er wünscht sich strengere Regeln für soziale Medien: „Sie verführen insbesondere Kinder und Jugendliche dazu, die Apps möglichst lange zu nutzen. Das geht auf Kosten von wirklichen sozialen Kontakten, von Bewegung und Lernzeit.“
Soziale Medien sind meist kostenfrei zu haben. Ihr Gewinn richtet sich nach der Nutzungsdauer. Das heißt, je mehr Zeit Menschen mit der App verbringen, umso mehr Geld bringt sie den Anbietern ein. Außerdem verdienen sie mit Persönlichkeitsprofilen, die sie aus dem Nutzerverhalten erstellen. TikTok, Instagram oder YouTube versuchen, ihr Publikum zu halten, indem sie das Angebot personalisieren. Ein Algorithmus merkt sich, was gefällt und bietet sofort Inhalte aus diesen Bereichen an. Auch angenehme Überraschungen – beispielsweise, wenn bekannte Personen aus dem Social Media Bereich plötzlich online gehen – führen zu Dopamin-Ausschüttung, sorgen kurzfristig für ein gutes Gefühl und stärken so die Bindung ans Medium.
TikTok, Instagram und YouTube mit Pausen begegnen
Vor allem junge Menschen, deren Gehirn noch nicht ausgereift ist, gehen den süchtig machenden Strategien auf den Leim. Kognition und Impulskontrolle leiden. Aber der ungünstigen Entwicklung lässt sich entgegenwirken, wenn Jugendliche dem Gehirn Pausen einräumen. Der Psychologe Christian Montag, der an der Universität in Macao in China tätig ist, hat in einer Studie verlangt, dass Probanden TikTok und Instagram vom Handy löschen. Bereits nach zwei Wochen haben sich Verbesserungen bei der mentalen Gesundheit nachweisen lassen.
Christian Montag sieht auch viel Positives in Social Media, zu dem er auch Messenger-Dienste oder Plattformen wie LinkedIn oder ResearchGate zählt: „Wir nutzen das, um unserem inneren Bedürfnis nach sozialer Interaktion nachzugehen und um ein Netzwerk aufzubauen.“ Gegensteuern müssen Staat, Schule und Familie, wenn das Wischen von einem Clip zum nächsten der Dauerberieselung dient, Suchttendenzen aufweist und wenn junge Menschen deshalb Familie, Freunde und Schule vernachlässigen.

