„Ich bin nervös“, sagt Poyraz. Der vierjährige Junge soll an der Friedrich-Rückert-Grundschule in Schweinfurt einen Test für Deutsch machen. Matthias Helbig führt den sogenannten Sprachstandstest durch. Er ist Beratungslehrer an dieser Grundschule. Den Test macht er mit Poyraz an einem Laptop, er sitzt neben ihm in einem leeren Klassenzimmer. Die Eltern des Jungen sind mit im Raum und dürfen zuhören. Alle vier Teile des Tests sind auf der Homepage des Bayerischen Kultusministeriums öffentlich einsehbar. Diese Sprachtests sind seit einem Jahr verpflichtend.
Aufgaben beim Test: Wörter zuordnen, Sätze bilden
Einen deutschen Satz nachsprechen oder Wörter einzelnen Bildern zuordnen – das sind ein paar Aufgaben der Sprachstandserhebungen. Ganz konkret: Wenn der Lehrer etwa das Wort „Hand“ sagt, dann sollte das Kind auf das Bild zeigen, das eine Hand zeigt. Im Teil zum Satzverständnis sagt die Lehrkraft zum Beispiel „Ein Kind hat keinen Ball“. Die richtige Lösung ist dann das Bild mit einem Kind ohne Ball. Die Kinder müssen auch selbst Sätze bilden. Wenn sie zum Beispiel ein Bild von einem Mädchen mit einem Ball sehen, sollten sie sagen „Das Mädchen spielt“.
Ziel der Tests: Kinder mit Deutsch-Defiziten identifizieren
Dieses Jahr wurden bei Matthias Helbig neben Poyraz noch rund 60 weitere Kinder aus dem Grundschulbezirk angemeldet. Den Test müssen diejenigen machen, die eineinhalb Jahre vor ihrer Einschulung stehen und im Kindergarten mit Sprachdefiziten auffallen. Mädchen und Jungen, die keinen Kindergarten besuchen, müssen ohnehin zu diesem Test. Ziel ist es, Kinder mit Deutsch-Defiziten zu identifizieren, um sie dann im Vorschuljahr zu fördern. Zur Einschulung sollen sie dem Unterricht auf Deutsch besser folgen können.
Verpflichtender Besuch eines Deutsch-Vorkurses
Nach 20 Minuten ist für Poyraz der Test vorbei. Mathias Helbig erklärt den Eltern das Ergebnis: „Er versteht echt eine ganze Menge – manches noch nicht ganz so sicher.“ Der kleine Junge hat bei dem Test ein gewisses Level nicht erreicht und muss verpflichtend ab September einen Deutsch-Vorkurs besuchen. Die Sprachförderung umfasst 240 Unterrichtsstunden. Einen Teil des Vorkurses wird Poyraz im Kindergarten und den andern Teil in der Grundschule absolvieren. Im Kindergarten geben dann in der Regel Erzieherinnen und Erzieher den Kurs, in der Grundschule beispielsweise Förderlehrkräfte. Poyraz Mutter Hulya Fazlioglu ist mit dem Ergebnis zufrieden. Sie dachte, er würde schlechter abschneiden und ist nun von ihrem Sohn begeistert.
Schweinfurter Beratungslehrer erhält zusätzliche Stunden für Tests
Für den zusätzlichen Arbeitsaufwand erhält Matthias Helbig im gesamten Schuljahr eine Stunde pro Woche. Das sei für ihn „okay“, obwohl er die Tests in der Regel im Februar und März abhält und für ihn in dieser Zeit somit viel mehr Arbeit anfällt.
Bußgeld für Eltern, wenn Kind nicht an Vorkurs teilnimmt
Sabrina Neckov, Schulleiterin der Friedrich-Rückert-Grundschule, hält die Sprachstandstests für sinnvoll. Rund 90 Prozent der Erstklässler und Erstklässlerinnen an ihrer Grundschule haben eine Migrationsgeschichte. Viele sprechen kaum Deutsch, wenn sie kommen. Mit den Tests habe man als Schule nun ein Mittel: Die Kinder müssen an den Vorkursen verpflichtend teilnehmen und die Eltern bekommen ein Bußgeld, wenn die Kinder nicht kommen. Die Vorkurse seien wichtig, um die Kinder auf die erste Klasse vorzubereiten, so Neckov.
Für Förderung fehle es an Profis
Ähnlich sieht es auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. Die Sprachstandstests seien gut. Man brauche sie, um die Sprache der Kinder gut diagnostizieren zu können. Für die anschließende Förderung benötige man aber ausreichend Profis, doch diese würden fehlen. Es bestehe ein Mangel an Lehrkräften und Fachpersonal, betont Fleischmann.
Rund 42.000 Kinder haben 2025 in Bayern Sprachstandstests gemacht
Laut Bayerischem Kultusministerium haben vergangenes Jahr 42.000 Kinder in Bayern an der Sprachstandserhebung teilgenommen, weil sie Deutsch-Defizite hatten. Bei rund 24.000 habe diese einen deutlichen Sprachförderbedarf ergeben, sodass eine Verpflichtung zum Vorkurs erfolgte. Zum Vergleich: In rund 91.000 Fällen bestätigten die Kindertageseinrichtungen den Kindern ausreichende Sprachkenntnisse.
Zusätzliche Vorkurse im Vergleich zum Vorjahr
Im Schuljahr 2025/2026 nehmen in Bayern circa 42.600 Kinder an etwa 4.580 Vorkursgruppen (schulischer Anteil) teil, so das Bayerische Kultusministerium. Gegenüber dem Vorjahr wurden 252 zusätzliche Vorkursgruppen für rund 3.300 zusätzliche Kinder eingerichtet. Ein Fazit, ob die verpflichtenden Sprachstandserhebungen das gewünschte Ziel erfüllen, könne erst nach Abschluss des laufenden Kindergarten- und Schuljahres 2025/2026 gezogen werden. Denn erst ab September kommen die Kinder in die Schule, die letztes Jahr die verpflichtenden Tests gemacht haben.

