Es sieht ähnlich aus wie ein Handy-Headset: ein Ohrstöpsel, an dem zwei Elektroden befestigt sind, die man ins Ohr biegt. „Genauer gesagt in die Cymba Conchae“, erklärt Jörg Trinkwalter, Geschäftsführer des Erlanger Medizintechnik-Unternehmens „tVNS Technologies“, das den Vagusnerv-Stimulator „tVNS“ entwickelt hat.
Die Cymba Conchae ist eine knorpelige Falte über dem Gehörgang. Dann wird das Ohrteil über ein Kabel mit einem kleinen Kästchen verbunden. Hier regelt man die Stromstärke. „Man geht hoch bis zu dem Punkt, wo man anfängt, die Stimulation zu spüren. Es gibt Leute, die sagen, es ist wie so ein kleines Stechen. Manche fühlen es vibrieren. Bei manchen wird es warm.“ Schmerzhaft sollte es aber in keinem Fall sein, sagt Trinkwalter.
Vagusnerv-Stimulation seit fast 40 Jahren im Einsatz
Der Vagusnerv ist in der Biohacking-Szene zum Star geworden. Denn er ist Teil des Parasympathikus, also des Nervengeflechts, das im Körper für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Schon in den 1930er-Jahren zeigten Studien [externer Link], dass die Stimulation des Vagusnervs die Aktivität des Gehirns beeinflusst. Bewusst aktiviert werden kann er beispielsweise durch Atemübungen, Kälte und Meditation.
In den 1980er-Jahren wurden dann die ersten implantierbaren Vagusnerv-Stimulatoren entwickelt [externer Link]. Bei diesen wird operativ eine Elektrode am Hals um den Nerv gelegt, verbunden mit einem Impulsgeber im Brustbereich. Schwache Stromimpulse stimulieren dann den Nerv. Zugelassen wurde das Verfahren zunächst für therapieresistente Epilepsie [externer Link] und schwere Depressionen [externer Link].
Nicht-invasive Stimulation an Ohr und Hals
Seit etwa 15 Jahren gibt es auch nicht-invasive Vagusnerv-Stimulationsgeräte, deren Signale den Nerv über die Haut erreichen. Sie werden entweder am Ohr oder am Hals angelegt. Dort verlaufen Äste des Vagusnervs relativ oberflächennah. 2017 wurde in den USA von der dortigen Gesundheitsbehörde mit „gammaCORE“ das erste Gerät zur Anwendung am Hals zugelassen, nämlich zur Behandlung von Cluster-Kopfschmerzen.
Keine „Heilung auf Knopfdruck“, sondern Therapie über Monate
Bei der Vagusnerv-Stimulation handelt es sich allerdings „nicht um eine Akuttherapie“, betont Jörg Trinkwalter. Auch Nils Kroemer, Medizinischer Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn, weiß aus seinen Studien, „dass für die therapeutische Wirksamkeit der Vagusnerv-Stimulation in der Regel eine relativ lange Anwendungsdauer nötig ist“. Bei einer täglichen Nutzung von einer halben Stunde bis vier Stunden gehen beide von Effekten nach vier bis zwölf Wochen aus.
Günstige „Wellness“-Geräte zur Vagusnerv-Stimulation?
Neben den hochpreisigen medizinischen Geräten (das tVNS-Gerät kostet 3.500€) kann man inzwischen auch „Wellness“-Varianten im Internet bestellen. Beworben werden sie mit Stressreduktion oder besserem Schlaf. Doch Psychologe Kroemer ist skeptisch: Um die Zulassung zu erhalten, muss ein Hersteller die Wirksamkeit und Sicherheit seines Gerätes in kontrollierten Studien belegen. Dazu gehört beispielsweise der Nachweis, dass das Gerät den Vagusnerv überhaupt in ähnlicher Weise erreichen kann wie die operativ eingesetzten Varianten. Bei den Wellness-Gadgets, die schon ab etwa 50 Euro zu bekommen sind, gibt es solche Nachweise nicht. Es ist weder klar, ob ihre Signale den Vagusnerv überhaupt erreichen, noch, welche Wirkung sie bei welcher Anwendungsdauer tatsächlich erzielen.
Schlaf, Entzündung, Schlaganfall – Hoffnung durch Vagusnerv-Stimulatoren
Das Erlanger „tVNS“ für den Einsatz am Ohr ist seit Mitte 2023 auf dem Markt und als Medizinprodukt der Klasse IIa gemäß der Europäischen Medizinprodukteverordnung [externer Link] zertifiziert. Es ist für die Behandlung von Epilepsie, chronischer Migräne, Depressionen und Prader-Willy-Syndrom zugelassen.
Doch in den vergangenen Jahren ist das Forschungsinteresse an weiteren möglichen Anwendungen stark gewachsen [externer Link]. Vor allem bei Schlafstörungen, Post Covid [externer Link] und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen erhofft man sich positive Effekte. Eine Studie in Großbritannien [externer Link] untersucht, ob durch die Stimulation des Vagusnervs das Wiedererlernen von Bewegungen nach einem Schlaganfall verbessert werden kann.

