Moderner Unterricht: Schulstoff mit Sinnlichem und Emotionen verknüpfen
Das liege auch daran, dass Deutschland in der Lehrerausbildung ganz weit hinten liegen würde. Kaum einer begreife Schule als ein lernendes System, sagt Kunkel, der sich im Bayerischen Elternverband für nachhaltiges Lernen engagiert. „Die meisten unterrichten nach Schablonen, die vor 100 Jahren schon gegolten haben.“
Oliver Kunkels Unterricht läuft anders. Er versucht, seinen Schülerinnen und Schülern das Lernen nach neuesten neurowissenschaftlichen Studien beizubringen. Er geht mit seinen Klassen nach draußen in die Natur, macht Achtsamkeitsübungen und Projekte außerhalb der Schule. Schulstoff verankert sich anders im Gehirn, wenn man ihn mit etwas Sinnlichem oder einer Emotion verbindet. Die Welt sollte nicht in Schulfächer und Lehrplaninhalte gestückelt, sondern als vernetzte Systeme begriffen und verstanden werden, sagt der Lehrer. Dafür hat Kunkel im Bayerischen Elternverband die sogenannten FutureLabs (externer Link) ins Leben gerufen, ein Konzept, das mit gehirngerechtem Lernen experimentiert und Projekte für Schüler und Studierende anbietet, und sich mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vernetzt (externer Link).
System ändern: Bislang werden Schüler in der Schule mit Wissen vollgestopft
Politisch stoße das jedoch kaum auf Interesse, berichtet er: Viele Schulen machten weiter wie bisher. Ähnlich beschreibt es Klaus Zierer, Bildungsforscher an der Universität Augsburg. Schule sei im Kern „eine kleine Maschinerie“ geworden: Kinder würden mit Wissen „vollgestopft“, unabhängig davon, ob es Freude mache oder erfolgreich sei. Gedreht werde an einzelnen Zahnrädern – ohne, dass sich systematisch etwas ändere.
Schule modernisieren: Lehrer anders und praktischer ausbilden
Zierer sieht den größten Hebel in einer grundlegend anderen Lehrkräfteausbildung: mehr Teamarbeit, mehr Pädagogik, weniger starres „Wissen“. Das fordert auch Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Lehrkräfte müssten stärker als „Talentscouts“ agieren, sagt er: Potenziale erkennen, fördern, darauf aufbauen – statt den Stoff durchzuziehen und zu sortieren, wer mitkommt.
Im Studium komme das zu kurz. Dohmen plädiert für ein duales Lehramtsstudium: von der ersten Woche an Praxis, hospitieren, begleiten – und das Erlebte an der Hochschule reflektieren. „Was macht eine gute Lehrkraft aus?“, „Wie führe ich Elterngespräche?“ – solche Kernfragen müssten früh und systematisch im Alltag verankert werden.
Lehramtsstudium: Lehrer lernen Praxis zu spät – und mit falschen Schwerpunkten?
Erste Versuche dualer Modelle gebe es bereits, sagt Dohmen. Doch meist dienten sie nur dazu, dass Studierende die Lücken füllten, die durch den Lehrkräftemangel entstehen. Und das sei nicht Ziel der Sache. Doch es gebe von der Politik wenig Wille zur Veränderung.
In Bayern wurde zwar im vergangenen Jahr ein Gutachten zur Reform der Lehrerausbildung (externer Link) vorgestellt. Das erfasse allerdings nicht den Kern des Problems, sagt Klaus Zierer von der Universität Augsburg. Es gehe darin stark um bestimmte Kernkompetenzen der Lehrkräfte, etwa Feedbackregeln, Klassenführung oder Tafelbild. Das sei sehr technisch. Was aber fehle, sei der Blick auf den Menschen. Bildung sei Beziehung: „Im Kern eine Interaktion zwischen Menschen.“
Wichtig für Schule, Lehrer und vor allem Schüler: Lernen kann und muss Spaß machen
Trotz aller Kritik: Lehrer Oliver Kunkel bleibt im Klassenzimmer motiviert. Es mache ihm „unwahrscheinliche Freude“, Neues auszuprobieren und mit Kolleginnen, Studierenden und Kindern zu diskutieren. Kinder sollten früh lernen, „wie ihr Gehirn tickt“. Lernen könne Spaß machen – und dann bleibe mehr hängen. Kunkel hofft, dass sich diese Erkenntnis irgendwann auch flächendeckend durchsetzt.

