Die gute Nachricht ist: Die Deutschen sind nicht mehr so große Weiterbildungsmuffel wie in früheren Jahrzehnten. In Westdeutschland habe die Weiterbildungsbeteiligung in den 1970er Jahren noch bei rund 30 Prozent im Jahr gelegen, nach aktuellen Erhebungen liegt sie bei rund 60 Prozent.
Weiterbildung in Deutschland: Förderungen sind wenig bekannt
Es habe sich also viel getan, sagt Prof. Bernd Käpplinger von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Aber – und das ist die schlechte Nachricht: zu wenig, um die disruptiven Veränderungen aufzufangen, die die Arbeitswelt gerade verändern.
Das Team um den Weiterbildungsexperten hat in einer Studie erforscht, welche Einstellungen die Menschen in Deutschland zum Lebenslangen Lernen [externer Link] haben. Es zeigte sich: Die meisten der über 3.000 Befragten im Alter zwischen 18 und 67 Jahren beurteilen Weiterbildung positiv. Aber Weiterbildungswillige können Kurse oft nicht wahrnehmen, weil sie Zeit für die Familie brauchen. Das betrifft immer noch besonders Frauen. Oder die Kosten sind zu hoch, zum Beispiel für Menschen mit geringem Einkommen.
Gerade deswegen hat die Forschenden die Erkenntnis aus der Studie alarmiert, dass fast zwei Drittel der Befragten nichts über öffentliche Weiterbildungsförderungen in Deutschland wissen.
Bildungsangebote und Finanzierung: Mehr Informationen nötig
Zu wenig Information über passende Bildungsangebote oder Finanzierungsmöglichkeiten – das bemängelt auch die Bertelsmann Stiftung. Laut ihrer Studie [externer Link] planten nur etwa die Hälfte der Arbeitsnehmer, in den kommenden zwölf Monaten an einer Weiterbildung teilzunehmen. Nach einem Hoch während der Corona-Pandemie sind Beschäftigte sogar wieder weniger weiterbildungsbereit, zeigt sich in Erhebungen aus 2020 und 2022.
Deutschland entfernt sich also immer mehr von der „Europäischen Agenda Erwachsenenbildung“ [externer Link] der EU. Deren Ziel ist es, dass bis 2030 mindestens 60 Prozent der Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren in zwölf Monaten an einer Bildungsmaßnahme teilgenommen haben sollen. Dabei hat Deutschland sein nationales Ziel sogar auf 65 Prozent erhöht.
Studienautor Dr. Martin Noack von der Bertelsmann Stiftung fordert mehr persönliche Bildungsberatung und schlägt sogenannte „Häuser der Beratung“ vor, in denen Kammern, Bildungsträger, Jobcenter oder kommunale Bildungsbüros passgenaue Informationen über Qualifizierungen, Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten aus einer Hand anbieten.
Weiterbildung älterer Beschäftigter lohnt sich für Unternehmen
Die arbeitende Bevölkerung wird immer älter, jüngere Arbeitskräfte fehlen zunehmend. Gerade deshalb sollten ältere Beschäftigte besonders gefördert werden, zeigen die Studien. Ältere sind lernbereit, wenn sie das Gelernte konkret anwenden können.
Auch für Unternehmen lohne sich die Investition in die Weiterbildung Älterer, meint Martin Noack, weil „sie diejenigen sind, die länger im Unternehmen bleiben, die also die neuen Erkenntnisse, die sie in der Weiterbildung erwerben, auch direkt im Unternehmen zum Einsatz bringen, während Jüngere eine viel höhere Wahrscheinlichkeit haben, den Arbeitgeber noch mal zu wechseln“.
Weiterbildung als langfristige Investition für die Karriere
Auch der Faktor Geduld beeinflusst die Weiterbildungsbereitschaft. Das hat die Volkswirtin Dr. Jasmin Vietz vom ifo-Institut [externer Link] herausgefunden. Ihrer Auswertung zufolge beteiligen sich diejenigen seltener an Weiterbildungen, die nach einer Qualifizierung schnelle Erfolge erwarten – also etwa den beruflichen Aufstieg oder bessere Bezahlung –, aber das benötigt mehr Zeit.
Internationale Daten zeigen: Menschen in den Niederlanden weisen eine hohe durchschnittliche Geduld auf, ebenso in Schweden – einer der Gründe, warum Schweden in Rankings zur Erwachsenenbildung in den letzten Jahren immer eine Spitzenposition einnahm.
Um auch in Deutschland mehr Menschen Anreize für Weiterbildungen zu bieten, rät Studienautorin Vietz den Kursanbietern, Qualifizierungen in kleinere Einheiten aufzuteilen, damit sie zeitlich und inhaltlich schneller zu bewältigen sind, um den „kurzfristigen Erfolg zu betonen“ und das Budget der Weiterbildungswilligen weniger zu belasten.
Staat und Arbeitgeber: Wer für die Weiterbildung zahlen soll
Die finanzielle Verantwortung für Weiterbildung sehen die Befragten der Studie der Universität Gießen vor allem bei den Arbeitgebern oder beim Staat. 2024 wurde zum Beispiel das Qualifizierungsgeld eingeführt. Es soll Weiterbildungen derjenigen Beschäftigten fördern, deren Arbeitsplätze durch strukturellen und digitalen Wandel gefährdet sind.
Weitere Lösungsansätze sieht Martin Noack etwa in der Einführung einer Bildungszeit, ähnlich der Elternzeit, oder in der Wiedereinführung des „Bildungsschecks“. Und auch viele Arbeitgeber engagieren sich in der Weiterbildung. In Bayern ist die Anzahl der Betriebe, die Weiterbildung fördern, laut IAB-Betriebspanel 2023 auf 49 Prozent gestiegen.
Echte Weiterbildungsmuffel sind laut den Studien übrigens nur diejenigen, die noch keine oder kaum Erfahrung mit Bildungsangeboten gemacht haben. Wer dagegen schon einmal an einem Kurs teilnahm, wird in der Regel wieder einen besuchen.

