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Werkstätten für behinderte Menschen sind nicht nur wirtschaftliche Betriebe: Es sind vor allem Orte, an denen Menschen mit Behinderung Anschluss finden sollen, in denen ihnen Teilhabe ermöglicht wird. Dennoch können sie nicht unabhängig von der Entwicklung der Arbeitswelt agieren.
So weist die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. auf BR24-Anfrage darauf hin, dass „die Anforderung an Werkstätten, mit ihren Produkten und Dienstleistungen wirtschaftlich tätig zu sein, in vielerlei Hinsicht mit sich teils widersprechenden Zielen verbunden“ sei. Ein Spannungsfeld, das sich auch durch die Automatisierung von Arbeitsprozessen nicht einfacher gestaltet.
Automatisierung: Für manche schwer zu stemmen, für andere eine Chance
Das beschäftigt auch die Community auf BR24. User „jahallotachauch“ kommentierte im Dezember über mögliche Aufträge an eine Werkstatt für behinderte Menschen: „Die Firma, in der ich arbeite, hat sich das mal angeschaut, leider waren da keine Arbeiten dabei, die nicht schon lange automatisiert wurden.“ Userin „Weltbürgerin“ schrieb: „Wir haben ein Familienmitglied in einer Behindertenwerkstätte… das wäre für ihn eine schlimme Sache, wenn er nicht mehr arbeiten könnte. Er ist so pünktlich und fleißig. (…)“
Christian Germing, Vorstandsmitglied des Bundesfachverbandes Behindertenhilfe und Psychiatrie der Caritas, ordnet die Situation gegenüber BR24 wie folgt ein: „Letztendlich spiegelt sich in Werkstätten immer auch das wider, was sich in der Industrie entwickelt.“ Das Thema Automatisierung an sich sei kein neues Thema, allerdings nehme der Grad an Automatisierung wahrnehmbar zu.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft schreibt entsprechend: „Diese Prozesse können einen negativen Einfluss vor allem auf die Teilhabe von Menschen mit geistigen oder Lernbehinderungen haben. Gleichzeitig führen eine zunehmende Digitalisierung und Automatisierung zu einer Entkopplung der Arbeit und Wertschöpfung vom Ort der Leistungserbringung, was vor allem für Menschen mit körperlichen und Sinnesbehinderungen eine Chance sein kann.“
Werkstätten öffnen sich
Werkstätten würden sich mehr und mehr öffnen, um den Herausforderungen der neuen Arbeitswelt begegnen zu können, so die Bundesarbeitsgemeinschaft. Hierfür setze man nicht nur auf die verstärkte Vernetzung mit Betrieben und politischen Institutionen, sondern auch auf ein breiteres Angebot an Dienstleistungen und Tätigkeiten mit Kundenkontakt und das Vermarkten eigener Produkte.
Auch Germing unterstreicht diese Entwicklung. „Vor 50 Jahren gab es in unseren Werkstätten eine Handweberei. Heute gibt es keine Handwebereien mehr, umgekehrt gibt es Berufe, die es damals nicht gab.“ Als Beispiel nennt er den Betrieb eines Online-Shops durch eine Werkstatt, im Auftrag von Industriekunden.
Das zentrale Mittel ist laut Bundesarbeitsgemeinschaft die Förderung von digitalen Schlüsselkompetenzen. Dementsprechend setze sich die Bundesarbeitsgemeinschaft auf politischer Ebene zum Beispiel ein für „die Umsetzung von Projekten wie KI-Kompass Inklusiv, in dem ein Kompetenzzentrum für KI-Assistenztechnologien entsteht“.
„Keine Tätigkeit ist keine Alternative“
Für die Caritas ist klar, dass Werkstätten zuerst Rehabilitationseinrichtungen seien. Der Auftrag bestehe erst einmal in beruflicher und persönlicher Bildung, in medizinischer und pflegerischer Versorgung und darin, Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Es sei „natürlich ein Spagat“, diesen Anspruch mit dem wirtschaftlichen Auftrag der Werkstätten zu verbinden. Es gelte immer, seine eigene Bandbreite an Tätigkeiten zu überprüfen. Man könne aber eben nicht eine Tätigkeit einfach aufgeben, nur weil sie nicht wirtschaftlich ist. „Keine Tätigkeit ist keine Alternative.“ Die fortschreitende Automatisierung macht Germing dennoch keine Sorgen, stattdessen zeigte er sich zuversichtlich, auch in Zukunft passende Tätigkeiten finden zu können.
Eine Möglichkeit liegt hier in der Zergliederung von Arbeitsprozessen, auch die Bundesarbeitsgemeinschaft betont dies. Bei komplexeren Arbeiten sei es nicht immer möglich, dass ein Mensch mit Behinderung alle Schritte ausführen könne. Aufgabe der Werkstätten sei es, zu überprüfen, ob man die Arbeit so in Schritte aufteilen kann, dass mehrere Menschen den Prozess dann gemeinsam und immer noch gewinnbringend ausführen können.
Wie sich Automatisierungsprozesse positiv auswirken können, zeigt laut Bundesarbeitsgemeinschaft unter anderem der Zierpflanzenbau des Hauses Freudenberg in NRW. Dort habe die Vollautomatisierung, zum Beispiel der Bewässerung und einer Topfstraße, zur körperlichen Entlastung bei der Arbeit geführt. Gleichzeitig können die Mitarbeiter an einem modernen Zierpflanzenbetrieb teilhaben. Neue Aufgaben umfassen das Setzen von Stecklingen und das Befüllen von Automaten mit leeren Blumentöpfen.

