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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Netzwelt > 25 Jahre Wikipedia: Wie KI das Weltwissen bedroht
Netzwelt

25 Jahre Wikipedia: Wie KI das Weltwissen bedroht

Benjamin Lehmann
Zuletzt aktualisert 19. Januar 2026 15:09
Von Benjamin Lehmann
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4 min. Lesezeit
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Wussten Sie, dass die Bundeswehr für rund 200.000 Euro Werbung auf 725.000 Pizzakartons drucken ließ? Oder dass Laboruntersuchungen in den Pappschachteln immer wieder bedenkliche Mineralölrückstände finden, die aus alten Zeitungsdruckfarben stammen? Oder dass sogar der Tech-Konzern Apple sich intensiv mit der Pizza-Pappe beschäftigte und 2010 ein Patent für einen runden Pizzakarton anmeldete, dessen Löcher ein Durchweichen des Teigs verhindern sollen?

Inhaltsübersicht
Ein Fundament mit RissenDigitale TrittbrettfahrerMülltrennung statt RechercheDer Wert menschlicher Arbeit

Falls ja, dann ist die Chance ist groß, dass Sie das aus der Wikipedia wissen. Denn der Artikel zum Thema Pizzakarton gilt als eines der Glanzstücke der Enzyklopädie. Er umfasst heute Dutzende Quellen, liefert Details über Wellpappe und zeigt exemplarisch, was für ein gewaltiger Wissensschatz entsteht, wenn man Menschen einfach mal machen lässt.

Ein Fundament mit Rissen

In den letzten 25 Jahren hat sich die Plattform zur wichtigsten globalen Informationsquelle entwickelt. Doch zum Jubiläum zeigen sich Risse. Eine Recherche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem Juli 2025 lieferte ernüchternde Zahlen: In einer Stichprobe waren rund 40 Prozent der geprüften Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia fehlerhaft oder veraltet. Zudem prägt eine überwiegend männliche Autorenschaft den Blick auf die Welt.

Noch schwerer wiegt der Streit um die politische Deutungshoheit. Dies zeigt sich exemplarisch in der englischsprachigen Wikipedia am Artikel über den Vorwurf eines Völkermords in Gaza. Kritiker bemängeln, der Eintrag lese sich weniger wie eine enzyklopädische Zusammenfassung, sondern eher wie eine juristische Anklageschrift. Statt Neutralität zu wahren, verlasse die Wikipedia hier ihre Rolle als Beobachter und werde aktivistisch – ein Umstand, den sogar der Gründer Jimmy Wales mittlerweile kritisch sieht.

Digitale Trittbrettfahrer

Trotz dieser internen Probleme bleibt die Wikipedia der größte strukturierte Datenpool der Menschheit. Und genau deshalb gerät sie nun von außen unter Druck. Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley nutzen das freie Wissen als Treibstoff für ihre künstliche Intelligenz. Sie scannen die Inhalte permanent, um ihre Modelle zu trainieren. Das verursacht enorme Serverlasten und Kosten für die spendenfinanzierte Plattform, ohne dass die Konzerne etwas dafür bezahlen.

Zugleich sorgen die Chatbots dafür, dass die Besucherzahlen erodieren. Im Jahr 2025 verzeichnete das Online-Lexikon rund acht Prozent weniger menschliche Zugriffe als im Vorjahr. Wer schnelle Antworten von einer KI bekommt, klickt nicht mehr auf den Wikipedia-Link. So verliert das Portal an Relevanz.

Mülltrennung statt Recherche

Besonders frustrierend für die Community: KI-Modelle erfinden oft Fakten oder „halluzinieren“. Dieser digitale Unfug wird von Nutzern per Copy-Paste zurück in die Wikipedia übertragen. Die freiwilligen Autoren sind zunehmend damit beschäftigt, diesen maschinellen Datenmüll wieder auszusortieren, statt neue Inhalte zu recherchieren.

Der Wert menschlicher Arbeit

Dabei bietet die Wikipedia etwas, das KI nicht bietet: Transparenz. Im Gegensatz zur „Blackbox“ einer KI lässt sich im Online-Lexikon jede Änderung nachvollziehen. Wissen bleibt hier ein menschlicher Prozess des Ringens um Fakten.

Um diesen Prozess abzusichern, fordert der Innsbrucker Professor Leonhard Dobusch ein radikales Umdenken. Er plädiert dafür, das strikte „Dogma der Freiwilligkeit“ aufzuweichen. Nach dem Vorbild des Roten Kreuzes könnten Hauptamtliche die Ehrenamtlichen unterstützen. Dobusch schlägt vor, in mittelgroßen Sprachversionen zu testen, ob bezahlte Kräfte das Projekt stabilisieren können. Es gar nicht erst zu versuchen, hält er für einen Fehler, um das Weltwissen gegen die Flut der Maschinen zu verteidigen.

 

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Von Benjamin Lehmann
Benjamin Lehmann schreibt für das Ressort Netzwelt der WirtschaftsRundschau. Mit seinem Fachwissen in digitalen Technologien und Internetkultur informiert er über aktuelle Trends und Innovationen und bietet den Lesern wertvolle Einblicke in die digitale Welt.
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